Zwei Areale, eine Stadt, eine Vision
Wohnstadt, Wirtschaftsstandort, Verkehrsdrehscheibe, Dietikon hat viele Gesichter. Stadtpräsident Roger Bachmann erklärt im Interview, wie das Niderfeld und die Silbern zu Schlüsselprojekten für die ganze Region werden und was moderne Stadtentwicklung im Limmattal heute bedeutet.
Arun Banovi: Herr Bachmann, Schlieren ist im Limmattal sehr sichtbar. Was ist die eigene Stärke von Dietikon innerhalb der Region, und wo soll die Stadt im Jahr 2035 im Limmattal und im Grossraum Zürich stehen?
Roger Bachmann: Dietikon hat eine andere Ausgangslage als Schlieren, ist deshalb aber nicht weniger sichtbar. Unsere Stärke liegt darin, dass wir gleichzeitig Wirtschaftsstandort, Wohnstadt, regionales Zentrum und nicht zuletzt eine wichtige überregionale Verkehrsdrehscheibe sind. Wir verfügen über grosse Entwicklungsgebiete, eine hervorragende Verkehrsanbindung und gleichzeitig über eine hohe Lebensqualität mit Limmat und Reppisch, Naherholungsräumen und einer gewachsenen Stadtstruktur.
Die gute Mischung aus Wohnen, Arbeit, Einkauf, Bildung, Kultur und Freizeit macht uns attraktiv. Dietikon wird sich bis 2035 weiter zu einer modernen und vielseitigen Stadt wandeln und an Attraktivität gewinnen. Dies wird unter anderem nun schrittweise sichtbar im Stadtzentrum, wo diverse Bauprojekte realisiert werden, wie z.B. der Florahof, das Einkaufszentrum Löwenzentrum und das Kronenareal. Die Stadt soll aber nicht einfach wachsen, sondern Qualität schaffen, mit attraktiven öffentlichen Räumen, guten Schulen, vielfältigen Wohnangeboten, einer weiterhin attraktiven verkehrlichen Erschliessung und einer Stadtentwicklung, die Identität stiftet.
Arun Banovi: Was ist in Dietikon heute noch möglich, was in anderen Städten im Limmattal vielleicht schon schwieriger geworden ist?
Roger Bachmann: Dietikon verfügt einerseits noch über bedeutende Entwicklungsflächen. Das ist in vielen Gemeinden des Kantons kaum mehr der Fall. Wir haben insbesondere mit dem Niderfeld, aber auch der Silbern Gebiete, auf denen wir Stadtentwicklung aktiv gestalten können und nicht nur auf Verdichtung im Bestand angewiesen sind. Insofern kann seine Zukunft in grösserem Massstab planen und gestalten.
Andererseits verfügt Dietikon in ganz vielen Bereichen über eine grosse Vielfalt. Dietikon ist sozial, kulturell und wirtschaftlich breit aufgestellt. Diese Offenheit ist eine Stärke, weil sie Innovation und Dynamik ermöglicht.
Und zu guter Letzt sei erwähnt, dass wir auch innerhalb der Stadtverwaltung versuchen Dinge zu ermöglichen, die andernorts vielleicht nicht möglich sind.
Arun Banovi: Silbern ist ein starkes Arbeitsplatzgebiet, aber noch kein klassischer urbaner Standort. Was braucht es, damit Silbern mehr Ausstrahlung bekommt?
Roger Bachmann: Silbern ist heute ein wirtschaftlich sehr bedeutendes Gebiet, aber es ist noch stark funktional geprägt. Damit daraus ein urbanerer Standort wird, braucht es mehr Aufenthaltsqualität, bessere öffentliche Räume und eine bessere Anbindung an den öffentlichen Verkehr.
Ein Gebiet wird nicht allein durch Gebäude urban, sondern durch Leben und die Nutzungen in und zwischen den Gebäuden. Dazu gehören Gastronomie, Begegnungsorte, attraktive Fuss- und Veloverbindungen sowie Nutzungen, die auch ausserhalb der klassischen Arbeitszeiten funktionieren.
Gleichzeitig braucht es eine klare Identität. Silbern soll nicht einfach ein Industriegebiet bleiben, sondern sich zu einem modernen Wirtschaftsquartier entwickeln, an dem Innovation, Dienstleistung, Produktion und neue Arbeitsformen Platz haben.
Arun Banovi: Beim Niderfeld entsteht nicht einfach ein neues Quartier, sondern ein grosser neuer Stadtteil. Was erhoffen Sie sich davon für Dietikon und für das Limmattal?
Roger Bachmann: Das Gebiet Niderfeld ist eines der wichtigsten Entwicklungsgebiete im ganzen Kanton Zürich. Dort entsteht die Chance, ein neues urbanes Stück Stadt zu bauen – mit Wohnungen, Arbeitsplätzen, Schulen, öffentlichen Räumen und einem prägenden Stadtpark.
Für Dietikon bedeutet das eine enorme Chance, qualitativ zu wachsen. Wir können dort zeigen, wie moderne Stadtentwicklung funktioniert: nachhaltig, vielfältig, klimaverträglich und gut an den öffentlichen Verkehr angebunden.
Für das Limmattal ist das Gebiet Niderfeld ebenfalls von Bedeutung, weil dort nicht einfach isoliert gebaut wird, sondern ein neuer regionaler Schwerpunkt entstehen kann. Das Projekt hat eine Ausstrahlung über die Gemeindegrenzen hinaus.
Entscheidend wird sein, dass Niderfeld nicht nur baulich überzeugt, sondern auch sozial funktioniert. Ein Stadtteil wird erst dann erfolgreich, wenn Menschen sich dort zuhause fühlen.
Arun Banovi: Dietikon hat mit Silbern und Niderfeld zwei sehr unterschiedliche Entwicklungsräume. Wie kann die Stadt sicherstellen, dass beide Areale nicht isoliert entwickelt werden, sondern zum Gesamtbild von Dietikon passen und zugleich einen Mehrwert für das Limmattal schaffen?
Roger Bachmann: Die entscheidende Aufgabe ist die Vernetzung. Silbern und Niderfeld dürfen nicht als Einzelprojekte betrachtet werden, gerade in Bezug auf die Mobilität: Es braucht gute Fuss-, Velo- und ÖV-Verbindungen zwischen den beiden Gebieten und zum Zentrum. Ebenso wichtig sind aber auch gemeinsame Qualitätsansprüche bei Architektur, Freiraum und Nachhaltigkeit.
Die beiden Gebiete ergänzen sich hervorragend: Das Niderfeld wird stärker wohn- und quartierorientiert sein, während die Silbern ihre Stärke als Wirtschaftsgebiet weiterentwickelt. Beide Gebiete sollen sich ergänzen und gemeinsam ein modernes Bild von Dietikon prägen.
Aus regionaler Sicht scheint es wichtig, dass die Entwicklungen keine Konkurrenz erzeugen, sondern das Limmattal insgesamt stärken. Dafür braucht es einen regelmässigen Austausch und eine enge und koordinierte Abstimmung mit den Nachbargemeinden und dem Kanton, auch über Kantonsgrenzen hinaus.
Arun Banovi: Welche Unternehmen und Arbeitsplätze passen künftig zu Dietikon, und wie wichtig ist dabei die Abstimmung mit den umliegenden Gemeinden?
Roger Bachmann: Dietikon braucht einen vielfältigen Branchenmix. Traditionell stark ist die Logistik, aber auch der Energiebereich, wo sich in Zukunft vielfältige Chancen für den Standort Dietikon bieten. Interessant sind aber auch Unternehmen aus den Bereichen CleanTech oder dem Gesundheitswesen. Dietikon steht zudem für Innovation und will entsprechend auch innovativen Unternehmen eine Heimat bieten. Wichtig ist, dass wir nicht nur möglichst viele Arbeitsplätze anziehen wollen, sondern qualitativ gute Arbeitsplätze mit Entwicklungsperspektiven. Dietikon soll ein Standort sein, an dem Unternehmen wachsen können und Fachkräfte gerne arbeiten.
Die regionale Abstimmung ist dabei zentral. Das Limmattal funktioniert wirtschaftlich längst als gemeinsamer Raum. Unternehmen denken nicht in Gemeindegrenzen. Darum müssen auch wir regionaler denken. Etwa bei Verkehrsfragen, Sport- und Freizeitangeboten, Arbeitsplatzgebieten oder Standortprofilen.
Nicht jede Gemeinde muss alles anbieten. Entscheidend ist, dass sich die Stärken ergänzen.
Arun Banovi: Sie sehen das Limmattal als Stadtpräsident und als ZPL-Präsident. Hat die Region heute bereits ein gemeinsames Zielbild oder denkt noch jede Gemeinde zu stark für sich?
Roger Bachmann: Das Limmattal ist in den letzten Jahren deutlich stärker zusammengerückt. Mit der Limmattalbahn, gemeinsamen Planungen und regionalen Projekten ist ein neues regionales Denken entstanden. Zudem trägt auch die regionale Standortförderung, Limmatstadt AG, zur Vernetzung und Zusammenarbeit bei.
Aber natürlich gibt es weiterhin unterschiedliche Interessen. Jede Gemeinde hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Struktur und auch eigene politische Prioritäten. Das ist normal, zumal sich die Bevölkerung verständlicherweise auch an kleinräumigen Strukturen orientiert, mit denen man sich identifiziert und man sich zu Hause fühlt. Dass schliesst nicht aus, dass wir bei den grossen Fragen gemeinsam denken: Verkehr, Siedlungsentwicklung, Wirtschaft, Freiräume und Energieversorgung lassen sich nicht mehr sinnvoll innerhalb einzelner Gemeindegrenzen lösen.
Ich glaube, dass das Bewusstsein für eine gemeinsame Sichtweise und die Zusammenarbeit heute viel stärker vorhanden ist als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Gleichzeitig braucht regionale Zusammenarbeit immer Vertrauen und die Bereitschaft, auch einmal über die eigene Gemeinde hinauszudenken, ohne dass dabei gleich über Gemeindefusionen gesprochen werden muss.
Arun Banovi: Beim Verkehr spürt man die Grenzen des Wachstums sehr direkt. Wo liegen heute die grössten Engpässe im Limmattal und was muss regional besser abgestimmt werden?
Roger Bachmann: Die grössten Engpässe sehen wir klar bei der Verkehrsinfrastruktur. Das betrifft sowohl den Strassenverkehr als auch den öffentlichen Verkehr.
Im Strassenbereich stossen wichtige Achsen regelmässig an ihre Kapazitätsgrenzen. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Quartiere durch Ausweichverkehr. Beim öffentlichen Verkehr geht es vor allem um Kapazitäten und gute Anschlüsse, v.a. auch an übergeordnete Netze. Verkehr kann nicht isoliert, auf Gemeindeebene geplant werden. Entscheidend ist die Abstimmung zwischen Siedlungsentwicklung und Mobilität.
Wir müssen den öffentlichen Verkehr stärken und attraktive Verbindungen für den Langsamverkehr schaffen, ohne dabei einzelne Verkehrsträger gegeneinander auszuspielen, denn gerade im Bereich des motorisierten Individualverkehrs darf bsp. der Wirtschaftsverkehr nicht ausser Acht gelassen werden. Gerade in einer dynamischen Region wie dem Limmattal braucht es ein ausgewogenes Gesamtverkehrssystem und hier bieten sich mit neuen Technologien und Mobilitätsformen auch viele Chancen, die es zu nutzen gilt.
Arun Banovi: Was erwarten Sie künftig stärker von privaten Eigentümern, Entwicklern und Investoren, damit aus den grossen Arealen nicht nur Projekte, sondern langfristig gute Stadt- und Wirtschaftsstandorte entstehen?
Roger Bachmann: Von Investoren und Entwicklern erwarten wir ein langfristiges Verständnis für eine gesellschaftsverträgliche und qualitative Stadtentwicklung. Es reicht heute nicht mehr, einzelne Gebäude zu realisieren. Entscheidend ist, welchen Beitrag ein Projekt an das gesamte Umfeld leistet.
Dazu gehören qualitativ hochwertige öffentliche Räume, nachhaltige Bauweisen, gute Erdgeschossnutzungen, soziale Durchmischung und eine langfristige Perspektive.
Gerade bei grossen Arealen braucht es Partnerschaften zwischen öffentlicher Hand und privaten Akteuren. Gute Stadtentwicklung entsteht nicht gegeneinander, sondern gemeinsam.
Investoren profitieren letztlich ebenfalls davon, wenn Quartiere langfristig attraktiv, lebendig und identitätsstiftend sind. Qualität ist deshalb kein Widerspruch zur Wirtschaftlichkeit, sondern eine Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg.
Zur Person
Roger Bachmann ist seit 2018 Stadtpräsident von Dietikon. Zudem ist er Präsident des Trägervereins CleanTech Hub Dietikon Limmattal sowie der Zürcher Planungsgruppe Limmattal und er ist Verwaltungsratsmitglied bei der Limmatstadt AG. Er absolvierte bereits seine eine Verwaltungslehre bei der Stadtverwaltung Dietikon und war anschliessend als Verwaltungsangestellter im Steueramt der Stadt Dietikon tätig. In den darauffolgenden Jahren sammelte er in verschiedenen Gemeinden umfassende Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung, insbesondere im Finanzwesen und in der Gemeindeführung. Mit seiner langjährigen Verwaltungserfahrung, seiner regionalen Vernetzung und seinem Engagement für eine nachhaltige Stadtentwicklung prägt Roger Bachmann die Entwicklung Dietikons seit seinem Amtsantritt als Stadtpräsident entscheidend mit.