Vaz/Obervaz verschärft den Druck im Wohnmarkt

Nicht Zürich, sondern Vaz/Obervaz weist im aktuellen Gemeinderanking die schärfste Knappheit aus. Für den Bündner Wohnmarkt ist das mehr als eine Kuriosität: Eine Leerwohnungsziffer von 0 Prozent trifft auf touristische Nachfrage, Bautätigkeit und einen engen Bestand.

Juni 2026

Die engste Wohnungsmarktlage der Schweiz liegt derzeit nicht in Zürich, sondern in Vaz/Obervaz. Im aktuellen Gemeinderanking von Bilanz und IAZI wird die Bündner Gemeinde mit einer Leerwohnungsziffer von 0 Prozent geführt. Damit ist am Stichtag keine einzige frei angebotene Wohnung erfasst worden. Für einen touristisch geprägten Standort wie Lenzerheide ist das ein deutliches Signal: Der Spielraum im regulären Wohnungsbestand ist praktisch aufgebraucht.

Die Aussage ist vor allem deshalb relevant, weil sie den verbreiteten Blick auf die grossen Zentren relativiert. Die landesweite Knappheit ist zwar seit Jahren Thema, doch gerade in Bergregionen trifft sie auf eine andere Gemengelage aus begrenztem Bauland, Zweitwohnungsdruck, saisonaler Nutzung und einem kleinen, wenig elastischen Markt. Wenn dort selbst statistisch keine freie Wohnung mehr ausgewiesen wird, wird Wohnraum für Haushalte, Mitarbeitende und Zuziehende schnell zum Standortfaktor.

Knappheit ausserhalb der Metropolen
Das Gemeinderanking 2026 umfasst 966 Gemeinden mit mehr als 2’000 Einwohnern und bewertet sie anhand von 56 Indikatoren. Die Leerwohnungsziffer ist dabei nur einer von mehreren Wohnmarktfaktoren, fällt im Fall von Vaz/Obervaz aber besonders ins Gewicht. Öffentlich verfügbare Gemeindedaten und Wohnmarktübersichten deuten zugleich darauf hin, dass der Ort zuletzt weiter unter Nachfrage stand und die Angebotsreserve sehr klein blieb.

Für die Immobilienpraxis ist das wichtiger als der reine Spitzenplatz in einer Einzelkategorie. Eine Nullquote bedeutet nicht automatisch, dass gar keine Wohnungen den Besitzer wechseln. Sie zeigt aber, dass der frei verfügbare Bestand am Stichtag faktisch leergeräumt ist. In solchen Märkten steigen die Hürden für Personalwohnungen, Erstwohnungen und längerfristige Mietverhältnisse besonders stark. Projektentwicklungen, Ersatzneubauten und Umnutzungen geraten damit noch stärker unter Erwartungsdruck.

Bautätigkeit allein löst das Problem nicht
Verfügbare Gemeindeprofile zeigen zwar, dass in Vaz/Obervaz gebaut und bewilligt wird. Doch bei einem kleinen Markt mit touristischer Prägung führt zusätzliche Bautätigkeit nicht automatisch zu rascher Entlastung im ganzjährig verfügbaren Segment. Entscheidend bleibt, welche Produkte entstehen, in welchem Preisband sie angeboten werden und ob sie dem lokalen Erstwohnungsmarkt tatsächlich zufliessen.

Für Eigentümer, Investoren und Behörden liegt die Herausforderung damit weniger im abstrakten Knappheitsbefund als in der Steuerung des Bestands. Wo die Statistik auf null fällt, werden Belegung, Nutzungsmix, Erneuerung und Aktivierung bestehender Flächen zentral. Vaz/Obervaz zeigt damit exemplarisch, dass die Wohnungsfrage 2026 nicht nur ein Problem der Grossstädte ist, sondern zunehmend auch jene Standorte erfasst, die vom Freizeit- und Arbeitsort zugleich leben.

Weitere Artikel