Schaffhausen wird zum Labor der Zukunft
Klimawandel, Ressourcenknappheit und Energiekrise drücken auf die Gesellschaft. Ein internationales Forschungsteam sieht in der Robotik einen ungenutzten Hebel. Im Fachmagazin «Nature Machine Intelligence» fordern die Wissenschaftler ein radikales Umdenken. Ihr Vorschlag heisst «Sustainability Robotics» und soll Maschinen zu Verbündeten der Nachhaltigkeit machen, mit einem konkreten Testfeld mitten im Kanton Schaffhausen.
Robotik galt lange als Wettlauf um Präzision, Tempo und Autonomie. Diese Logik reicht heute nicht mehr aus. Ein Team unter Leitung von Empa-Forscher Mirko Kovač, gemeinsam mit Barbara Mazzolai vom Italian Institute of Technology und Seokheun Song vom Daegu Gyeongbuk Institute of Science and Technology, stellt eine neue Frage in den Mittelpunkt. Welche Rolle sollen Roboter beim Aufbau einer nachhaltigen Zukunft übernehmen?
Mehr als grüne Technik
«Green Robotics» reduziert bisher nur den ökologischen Fussabdruck von Maschinen. Den Forschenden reicht das nicht. Barbara Mazzolai plädiert für Inspiration aus der Natur, die mit minimalem Energie- und Materialeinsatz maximale Leistung erbringt. Robotik soll aktiv Probleme lösen, nicht nur weniger Schaden anrichten.
Drei Prinzipien für die Zukunft
Das Manifest stützt sich auf drei Leitideen. Minimalinvasiv heisst, ökologische Eingriffe klein zu halten, etwa durch kompostierbare Elektronik. Universell zugänglich bedeutet, Technologie nicht nur reichen Regionen vorzubehalten. Symbiotisch ist das ambitionierteste Ziel, es geht um Regeneration und gegenseitigen Nutzen für Mensch, Umwelt und Wirtschaft.
Von der Theorie ins Wasser des Rheins
Was im Fachmagazin als Manifest beginnt, nimmt in Schaffhausen bereits Gestalt an. Eine Drohne surrt kurz in der Luft, verschwindet im Rhein, taucht triefend mit einer Wasserprobe wieder auf und landet sanft am Ufer. Solche Szenen sind heute noch Ausnahme, sollen aber bald zum Alltag werden. Kovač, der das Labor für Nachhaltigkeitsrobotik an der Empa leitet und an der EPFL forscht, sieht in Schaffhausen die Schlüsselregion für diese Entwicklung.
Ein Kompetenzzentrum entsteht
Die Empa baut in Schaffhausen ein Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeitsrobotik auf, als Erweiterung zum Labor, zum «DroneHub» in Dübendorf und zur geplanten «AeroAquaArena». Bevor Roboter unter Extrembedingungen in Grönland oder in Häuserschluchten arbeiten, müssen sie unter realen Bedingungen geprüft werden, sagt Kovač. Genau das soll Schaffhausen leisten, mit Tests an Wind, Strömung und unvorhersehbaren Umweltfaktoren.
Warum Schaffhausen die richtige Bühne ist
Die Region bietet seltene Standortvorteile. Einzigartige Biodiversität mit Rhein und Randen, ein starker Wirtschaftsstandort mit vielen Hightech-Unternehmen und kurze Wege zu Behörden und Wirtschaftsförderung schaffen ideale Bedingungen. Erste Gespräche mit Softwareherstellern, Sensorentwicklern und lokalen Schulen laufen bereits.
Der Fahrplan für die nächsten fünf Jahre
Empa und Kanton wollen gemeinsam mit Schaffhauser Unternehmen Robotiklösungen für Umweltsensorik entwickeln, validieren und anwenden, etwa bei Wasserqualität und Biodiversitätsmessungen. Geeignete Standorte im Kanton werden dafür mit Sensortechnik ausgerüstet. Langfristig soll Nachhaltigkeit in der Robotik so selbstverständlich werden wie heute Sicherheitsstandards, mit einem klaren Massstab für Erfolg, dem positiven Beitrag für Ökosysteme, Infrastrukturen und Lebensqualität.