Der Markt sendet SOS
Der deutsche Immobilienmarkt sendet kein schwaches Signal, er sendet ein lautes. Umfragen, Indizes und Stornierungsquoten zeigen in dieselbe Richtung, die Stimmung kippt. Diesmal trifft es vor allem den Wohnungsbau. Regulierungsangst, ein schwelender Nahostkrieg und eine erste EZB-Zinserhöhung seit 2023 treffen eine Branche, die sich gerade zu erholen begann.
Das Ifo-Geschäftsklima im Baubereich sank im Mai von minus 28,2 auf minus 29,3 Punkte. Viele Unternehmen rechnen laut Ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe nicht mit einer spürbaren Belebung des Marktes. Die Stornierungsquote stieg von 10,8 auf 11,7 Prozent, ein Zeichen, dass Kunden Projekte zurückhalten oder ganz aufgeben. Der Anteil der Unternehmen, die über zu wenig Aufträge berichten, verharrte mit 42,2 Prozent auf hohem Niveau.
PMI signalisiert Schrumpfung
Der Einkaufsmanagerindex der gesamten Baubranche lag im Mai bei 42,4 Punkten, weit unter der Wachstumsschwelle von 50. Das grösste Minus verzeichnete der Wohnungsbau, gefolgt vom Gewerbebau. Im Tiefbau gab es den ersten Rückgang seit sieben Monaten. Lieferengpässe durch den Nahostkonflikt verlängerten die Vorlaufzeiten so stark wie zuletzt im Juli 2022. Subunternehmen wurden deutlich seltener eingesetzt, Einkaufsmengen zurückgefahren, Jobs gestrichen.
Regulierung als Brandbeschleuniger
Der ZIA-Immobilienstimmungsindex brach um 17,5 auf minus 2,0 Punkte ein. Das Erwartungsbarometer kollabierte um 27,8 auf minus 11,4 Punkte. «Dieser Stimmungseinbruch ist kein Betriebsunfall des Marktes, sondern ein lautes Alarmsignal an die Politik», sagt ZIA-Präsidentin Iris Schöberl. Besonders belastend ist die Diskussion um eine Verschärfung der Mietenregulierung. Die Baugesetzbuch-Novelle erleichtere zwar Planungen, löse aber keine Investitionen aus, mahnt der Zentralverband Deutsches Baugewerbe.
Wo noch investiert wird
Nicht alle Segmente leiden gleich stark. Bestandssanierungen, Seniorenwohnen und Umnutzungen gewinnen gegenüber Neubauprojekten an Attraktivität. Rechenzentren, Logistikimmobilien und Light-Industrial-Objekte gelten als besonders widerstandsfähig. Gesundheitsimmobilien profitieren vom demografischen Wandel und wachsendem Bedarf. Wer heute investiert, tut es gezielt und meidet den klassischen Wohnungsneubau.
Was die Branche fordert
Der Zentrale Immobilienausschuss und das Baugewerbe wissen, es braucht schnellere Genehmigungen, stabile Finanzierungsbedingungen, einfachere Bauprozesse und weniger regulatorische Bremsen. Die Politik hat die Forderungen gehört, gehandelt hat sie noch nicht. Solange Unsicherheit die Entscheidungen von Bauherren und Investoren dominiert, bleibt der Wohnungsmangel ein strukturelles Problem ohne strukturelle Antwort.