Das dichteste Quartier der Schweiz blickt auf 2050

Wie könnte ein dichtes Stadtquartier im Jahr 2050 aussehen, wenn nicht mehr das Auto den Takt vorgibt? Architekturstudierende der FHNW haben dafür im Kleinbasler Matthäusquartier Bilder entwickelt. Ihre Visionen reichen von grünen Alleen und kühlen Höfen bis zu neuen Gemeinschaftsräumen über den Strassen. Sie zeigen nicht einen fertigen Masterplan, sondern einen Möglichkeitsraum für die Stadt von morgen.

September 2026

Das Matthäusquartier ist dicht, vielfältig und stark genutzt. Menschen aus über hundert Nationen leben hier auf engem Raum. Gleichzeitig prägen Durchgangsverkehr, Parkfelder, versiegelte Flächen und ein im Vergleich geringer Grünanteil den Alltag.

Damit steht das Quartier stellvertretend für eine zentrale urbane Frage. Wie kann eine Stadt nach innen wachsen, Wohnqualität sichern und sich auf heissere Sommer vorbereiten, wenn öffentlicher Raum knapp ist? Die Studierenden des Instituts Architektur der FHNW wählten dafür nicht das leere Reissbrett. Sie arbeiteten mit dem Bestehenden.

Vom Durchfahren zum Bleiben
Unter dem Titel «Update Matthäus» entwickelten sie Szenarien für den Superblock im Jahr 2050. Der Superblock ist eine Versuchsanordnung, die Quartierstrassen für den Durchgangsverkehr beruhigt. Dadurch entsteht Raum für Aufenthalt, Spiel, Begrünung und Begegnung. Der Basler Test im Matthäusquartier lief von September 2025 bis August 2026. Nun wertet der Kanton Verkehr, Lebensqualität und Akzeptanz aus. Der Regierungsrat will im ersten Quartal 2027 über das weitere Vorgehen entscheiden.

Die FHNW-Entwürfe gehen bewusst weiter. Sie fragen nicht nur, wo Autos fahren oder parkieren. Sie beziehen Gebäude, Hinterhöfe, Dächer und Erdgeschosse ein. Strasse wird dabei nicht länger nur Verkehrsfläche. Sie wird zum sozialen und klimatischen Rückgrat des Quartiers.

Schatten wird zur Infrastruktur
Viele Projekte setzen auf Bäume, entsiegelte Böden, begrünte Fassaden und nutzbare Dächer. Das ist mehr als Gestaltung. In einer wärmeren Stadt werden Schatten und Kühlung zu Infrastruktur. Begrünung kann Hitze mindern, Regenwasser zurückhalten und den Aufenthalt im Freien auch im Sommer ermöglichen.

Andere Vorschläge denken vertikal. Laubengänge, gemeinschaftliche Räume und neue Zugänge sollen die dichte Bebauung besser nutzbar machen. Die Ideen bleiben teilweise bewusst utopisch. Doch sie schärfen einen wichtigen Grundsatz. Die klimataugliche Stadt entsteht nicht allein durch neue Technik, sondern vor allem durch die Umgestaltung bereits gebauter Räume.

Bilder lösen Debatten aus
Die Visualisierungen hängen in Schaufenstern, Bars, Restaurants und Galerien im Quartier. QR-Codes führen zu vertiefenden Informationen. Damit verlassen die studentischen Arbeiten den Hochschulraum und werden Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung. Das ist relevant, weil Transformation Akzeptanz braucht. Durchfahrtsbeschränkungen und weniger Parkplätze berühren eingespielte Gewohnheiten. Erst wenn Menschen sehen und erleben können, was sie gewinnen, wird aus einer Verkehrsmassnahme eine gemeinsame Quartiersidee.

Keine Utopie ohne Alltag
Die Visionen ersetzen keine sorgfältige Planung. Rettungsdienste, Anlieferungen, Kehrichtentsorgung, Mobilität für Menschen mit Einschränkungen und die Bedürfnisse des Gewerbes müssen im Alltag zuverlässig funktionieren. Genau hier entscheidet sich, ob aus Bildern ein tragfähiges Projekt wird.

Die Arbeiten der Studierenden liefern dafür einen starken Impuls. Sie erinnern daran, dass Stadtentwicklung nicht beim Verzicht beginnt. Sie beginnt mit einer besseren Nutzung dessen, was längst vorhanden ist. Der Strassenraum im Matthäusquartier ist kein Rest zwischen Häusern. Er ist eine der grössten Flächenreserven für ein kühleres, sozialeres und lebenswerteres Basel.

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