200’000 Wohnungen fehlen
Zürich hat ein Wohnungsproblem. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, warum es so gross geworden ist und wer dafür die Verantwortung trägt. ETH-Dozentin Sibylle Wälty sagt dazu: «Es ist keine Marktfrage, sondern eine politische Weigerung.» Und die neue Bau- und Zonenordnung macht es schlimmer, nicht besser.
Der Quadratmeterpreis in Zürich hat sich in den letzten fünfzehn Jahren ungefähr vervierfacht. Wer heute eine neue Wohnung mietet, zahlt bis zu 50 Prozent mehr als ein Nachbar, der früher eingezogen ist, weil Angebot und Nachfrage seit Jahrzehnten auseinanderdriften. Die Zahl der Arbeitsplätze in Zürich hat sich seit den 1960er-Jahren verdoppelt, die Einwohnerzahl kaum bewegt. Wälty beziffert das daraus entstandene Defizit auf rund 200’000 Wohneinheiten.
Das Raumplanungsgesetz als Wendepunkt
Die Revision des Raumplanungsgesetzes 2013 sollte Zersiedelung stoppen und Verdichtung fördern. Das Versprechen wurde nicht eingehalten. Was am Stadtrand gebremst wurde, wird im Inneren der Städte nicht im gleichen Mass ersetzt. In Zürich gibt es kaum mehr unbebautes Bauland, die Transformation der Industriegebiete ist weitgehend abgeschlossen. Gleichzeitig wächst die Nachfrage weiter und zusätzliche Arbeitsplätze durch Bundes- und Kantonsinvestitionen im Stadtzentrum treiben sie zusätzlich an.
Die neue Zonenordnung als verpasste Chance
Erstmals seit Jahrzehnten überarbeitete Zürich seine Bau- und Zonenordnung umfassend. Wälty sieht darin eine historische Gelegenheit und gleich eine verpasste Chance. Die Schaffung von Wohnraum wird nicht erleichtert, sondern erschwert. Selbst gemeinnützige Stiftungen, die kostengünstigen Wohnraum bauen wollen, stossen auf neue Hindernisse. Die ETH Zürich forscht seit Jahren dazu, wie Stadtentwicklung demokratisch, nachhaltig und gerecht gestaltet werden kann, die Politik folgt dieser Forschung bisher nicht konsequent.
Regulierung in der falschen Reihenfolge
Mieterschutz ist legitim, aber er ersetzt keinen Neubau. Die Schweiz hast das Problem, sie reguliert den Bestand, bevor ausreichend neuer Wohnraum entsteht. Wer eine günstige Wohnung hat, verlässt sie nicht mehr, selbst wenn sie nicht mehr passt, weil jede Alternative teurer wäre. Wer neu sucht, findet nichts. Aktuelle Mieter sitzen fest, potenzielle Stadtbewohner pendeln aus der Agglomeration. Gentrifizierung und Leerkündigungen nehmen zu, günstiger Wohnraum verschwindet.
Flawil zeigt, wie es geht
In Flawil hat das ETH-Spin-off Resilientsy gemeinsam mit der Gemeinde drei Szenarien für die Ortsentwicklung erarbeitet und partizipativ mit der Bevölkerung diskutiert. Mehr als 90 Prozent der Teilnehmenden stimmten für eine umfassende Entwicklung des Zentrums. Ältere Hauseigentümer erkannten Vorteile bei der Erbteilung, lokale Betriebe profitieren von mehr Laufkundschaft. Was in einer 10’000-Einwohner-Gemeinde funktioniert, ist auch in Zürich denkbar, wenn die Politik bereit ist, die Frage überhaupt zu stellen.