Seebach gewinnt Raum für günstiges Wohnen

Auf dem Gauss-Stierli-Areal in Zürich-Seebach könnte eine der letzten Industriebrache des Quartiers in ein gemischt genutztes Genossenschaftsprojekt mit 175 bis 225 preisgünstigen Wohnungen überführt werden. Bis zum Bezug dürfte es aber frühestens 2036 dauern.

Juni 2026

In Zürich-Seebach rückt ein seltenes Stück Entwicklungsland in den gemeinnützigen Wohnungsbau. Die Genossenschaft Kalkbreite hat sich nach verfügbaren Angaben eine exklusive Baurechtsoption auf dem Gauss-Stierli-Areal gesichert. Auf dem früher industriell genutzten Grundstück könnten nach ersten Volumenstudien 175 bis 225 preisgünstige Wohnungen sowie Flächen für Gewerbe, Kultur und Quartiernutzungen entstehen.

Entschieden ist das Projekt damit noch nicht. Voraussetzung bleibt eine Umzonung, danach folgen Gestaltungsplan, Projektierung und Bewilligungsverfahren. Kalkbreite rechnet selbst mit einem Bezug frühestens ab 2036. Für den angespannten Zürcher Wohnungsmarkt ist das Vorhaben trotzdem relevant, weil es eine der letzten grösseren Brachen in Seebach in eine langfristig gemeinwohlorientierte Nutzung überführen würde.

Baurecht statt klassischer Arealentwicklung
Der Eigentümer Werner Hofmann hatte das rund 12’500 Quadratmeter grosse Areal erst im September 2025 erworben und die Entwicklung danach nicht in Eigenregie weiterverfolgt, sondern an eine Genossenschaft angebunden. Genau darin liegt der eigentliche Nachrichtenwert: Ein privater Eigentümer öffnet ein innerstädtisches Entwicklungsgrundstück für ein Modell, das günstiges Wohnen mit gewerblichen und gemeinschaftlichen Nutzungen verbindet. Der gewerbliche Anteil soll sich grob bei 40 Prozent bewegen und damit eine Mischnutzung sichern, statt das Areal vollständig zu Wohnzwecken zu verdichten.

Für Kalkbreite wäre Seebach ein Wachstumsschritt mit Gewicht. Das Projekt läge deutlich über der Grössenordnung vieler genossenschaftlicher Ergänzungsbauten und würde die Präsenz der Trägerschaft in Zürich-Nord markant ausbauen. Zugleich zeigt der Fall, wie schwierig selbst bei klarer wohnpolitischer Stossrichtung die Zeitschiene bleibt: Zwischen Grundstückssicherung und Einzug liegen im städtischen Kontext schnell zehn Jahre oder mehr.

Seebach verdichtet auf mehreren Achsen
Das Stierli-Areal ist kein Solitär. Auf dem nahen Areal Thurgauerstrasse entwickelt die Stadt Zürich ein weiteres grosses gemeinnütziges Quartier mit rund 800 Wohnungen, Flächen für Gewerbe und Dienstleistungen, Alterswohnen sowie einem Quartierpark. 2025 starteten dort für Teile des Areals die Architekturwettbewerbe, während die Schulanlage bereits 2024 in Betrieb ging. Damit verdichtet sich Seebach nicht nur punktuell, sondern über mehrere zusammenhängende Entwicklungsfelder.

Auch die Erreichbarkeit des Quartiers wird parallel ausgebaut. Am Bahnhof Zürich Seebach verlängert die SBB die Perrons, damit künftig 300 Meter lange S-Bahn-Züge halten können. Zudem entsteht eine neue Fuss- und Velounterführung. Für das Umfeld des Stierli-Areals ist das mehr als Begleitmusik: Grössere Wohn- und Mischprojekte gewinnen an Tragfähigkeit, wenn Quartierverbindungen und ÖV-Kapazitäten mitwachsen.

Zwischennutzung füllt die lange Wartezeit
Bis zur eigentlichen Transformation bleibt das Areal in Bewegung. Kalkbreite geht von einer gewerblichen Zwischennutzung aus, bevor Sanierung und Neubau starten. Das passt zur Geschichte des Standorts und verhindert, dass die Brache bis zum Planungsentscheid ungenutzt bleibt. Die offene Frage ist nun weniger, ob Seebach weiter wächst, sondern ob es gelingt, dieses Wachstum auf dem Stierli-Areal politisch und planerisch rechtzeitig in gemeinnützige Wohnungen zu übersetzen.

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