Schwamendingen testet kulturelle Wohnvergabe

An der Wallisellenstrasse in Zürich-Schwamendingen soll ein Ersatzneubau mit 154 Genossenschaftswohnungen entstehen. Der Fall zeigt, wie heikel die Verbindung von preisgünstigem Wohnraum, kultureller Identität und Vergaberegeln auf einem angespannten Markt werden kann.

Juni 2026

In Zürich-Schwamendingen zeichnet sich ein ungewöhnlicher Genossenschaftsneubau ab. An der Wallisellenstrasse will die Baugenossenschaft Zentralstrasse ihre bestehende Siedlung ersetzen und die Zahl der Wohnungen von heute 76 auf 154 erhöhen. Der Standort ist bereits als befristet bis zum Ersatzneubau geführt. Brisant ist weniger die bauliche Verdichtung als die Frage, wie stark ein solches Projekt die Wohnungsvergabe an eine kulturelle Gemeinschaft binden darf.

Der Kern des Vorhabens ist doppelt: mehr preisgünstiger Wohnraum und ein fester Ort für die rätoromanische Diaspora in Zürich. Mit der Ambassada Rumantscha Turitg besteht bereits ein Verein, der als kultureller Anker dienen soll. Öffentlich zugängliche Angaben deuten darauf hin, dass das Umfeld der Wallisellenstrasse ohnehin vor grösseren Umbrüchen steht. Die Stadt Zürich führt das Gebiet seit Längerem als Entwicklungsraum zwischen Oerlikon und Schwamendingen.

Verdichtung mit heikler Zusatzfrage
Aus immobilienwirtschaftlicher Sicht ist das Projekt zunächst ein typischer Ersatzneubau: alter Bestand, höhere Ausnützung, mehr Wohnungen, neue Freiräume und ein langfristig tragfähigeres Siedlungskonzept. In Schwamendingen ist dieser Umbau seit Jahren sichtbar. Mit der Aufwertung des Quartiers rund um den Überlandpark und die Wallisellenstrasse steigt der Druck auf ältere, günstige Bestände zusätzlich. Gerade deshalb wird die soziale Logik der Vermietung zum eigentlichen Prüfstein.

Diskutiert wird, ob die Wohnungen zunächst auf Rumantsch ausgeschrieben und damit gezielt in der rätoromanischen Community gestreut werden sollen. Eine solche Vorselektion wäre politisch und wohnungspolitisch sensibel. Genossenschaften dürfen ihre Profile schärfen und Gemeinschaftsräume programmatisch nutzen. Je knapper der Markt, desto genauer wird aber geprüft, ob ein gemeinnütziger Neubau offen, nachvollziehbar und mit dem Förderauftrag vereinbar vergeben wird.

Der Ort ist längst Teil eines grösseren Umbaus
Für den Standort selbst passt das Projekt in eine bekannte Entwicklung. Das städtebauliche Leitbild der Stadt sieht für die Wallisellenstrasse seit Jahren eine starke bauliche Veränderung vor. Gleichzeitig zeigen Unterlagen der Genossenschaft, dass die Siedlung Wallisellenstrasse Süd nur noch befristet bis zum Ersatzneubau bewirtschaftet wird. Das spricht dafür, dass die bauliche Erneuerung real vorbereitet wird, auch wenn über Termin, Bewilligungsverfahren und definitive Vermietungsregeln nach öffentlich zugänglichen Angaben noch nicht abschliessend entschieden ist.

Damit wird Schwamendingen zu einem konkreten Testfall. Das Projekt kann zeigen, wie sich kulturelle Infrastruktur und gemeinnütziger Wohnungsbau verbinden lassen, ohne in den Verdacht einer abgeschotteten Vergabepraxis zu geraten. Für Zürich ist das mehr als eine Nischenfrage. Auf einem Markt mit chronisch knappen Wohnungen wird nicht nur zusätzlicher Wohnraum erwartet, sondern auch Transparenz darüber, wer ihn am Ende erhält.

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