Mehr Wohnungen stoppen das Pendeln kaum

Zürich und Basel ringen mit dem Ungleichgewicht zwischen Jobs und Wohnraum. Doch ausgerechnet die oft bemühte Kennzahl verliert an Schärfe. Eine aktuelle Auswertung zeigt, dass längere Arbeitswege nur schwach mit dem Verhältnis von Beschäftigten zu Einwohnenden zusammenhängen.

August 2026

Der oft bemühte Hebel greift nur begrenzt. Eine von der Stadt Zürich aufgearbeitete Metron-Studie kommt zum Schluss, dass das Verhältnis von Beschäftigten zu Einwohnenden am Arbeitsort die Länge und Dauer der Arbeitswege von Zu- und Binnenpendelnden nur geringfügig beeinflusst. Die verbreitete Annahme, mehr Wohnraum direkt am Arbeitsplatzzentrum verkürze das Pendeln automatisch, lässt sich damit nicht sauber belegen.

Das trifft einen politischen Nerv, weil gerade grosse Städte ihren Wohnraummangel häufig mit der hohen Zahl eingependelter Arbeitskräfte verknüpfen. Zürich verweist selbst auf starke innerstädtische Unterschiede. In der City entfallen rund 35 Arbeitsplätze auf eine Einwohnerin oder einen Einwohner, während Wohnquartiere wie Leimbach, Witikon oder Affoltern ein deutlich anderes Bild zeigen. Gleichzeitig reichen die funktionalen Verflechtungen längst über die Stadtgrenzen hinaus, etwa ins Limmattal und ins Glattal.

Die Kennzahl verliert Wucht
Die Zürcher Unterlagen stellen das sogenannte ideale Verhältnis von Arbeiten und Wohnen ausdrücklich als umstritten dar. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Wohnungen innerhalb der Stadtgrenzen entstehen, sondern auch, wie stark Arbeitsmarkt, Wohnstandorte und Verkehrsnetze über die Agglomeration hinweg verflochten sind. Genau dort wird die simple Rechnung politisch heikel. Wer das Pendelproblem allein mit einer lokalen Wohnungsquote lösen will, greift zu kurz.

Auch die nationalen Pendlerdaten zeigen, wie tief dieses Muster sitzt. 2022 arbeiteten laut Bundesamt für Statistik rund 3,6 Millionen Menschen mit fixem Arbeitsort ausserhalb ihres Wohngebäudes. 71 Prozent von ihnen pendelten über die Wohngemeinde hinaus. Ein Arbeitsweg war im Schnitt 14 Kilometer lang und dauerte 30 Minuten. Basel-Stadt und Zug ziehen gemessen an ihrer Grösse besonders viele Pendelnde aus anderen Kantonen an.

Städte bleiben Magneten
Für Zürich ist das längst Alltag. Von den knapp 320’000 Personen, die 2020 in der Stadt arbeiteten, waren 62 Prozent Zupendelnde. Rund 38 Prozent wohnten und arbeiteten in Zürich. Die Stadt fungiert damit nicht einfach als Wohnort mit zu wenig Wohnungen, sondern als Arbeitsmarktzentrum für einen viel grösseren funktionalen Raum. Genau deshalb wirkt zusätzliche Wohnbautätigkeit zwar auf den Wohnungsmarkt, aber nur begrenzt als direkte Waffe gegen lange Pendelwege.

Für Projektentwickler, Behörden und Standortplaner verschiebt sich damit der Fokus. Wer Verkehrsbelastung senken will, muss nicht nur Wohnungen schaffen, sondern die Verknüpfung von Nutzungsmischung, Erreichbarkeit und regionaler Arbeitsmarktstruktur präziser steuern. Die nächste Debatte dreht sich damit weniger um eine magische Sollzahl und stärker um die Frage, welche räumlichen Strukturen Pendeln tatsächlich verkürzen.

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