Holz allein hält die Hitze nicht draussen
Der Winter hat das Bauen lange geprägt. Jetzt stellt die Sommerhitze Architektur und Immobilienwirtschaft auf eine neue Probe. Auch nachhaltige Holzbauten brauchen ein präzises Zusammenspiel von Standort, Material, Speichermasse, Beschattung, Lüftung und Kühlung.
Am 3. September diskutierten World-Architects und der Beschattungsspezialist Griesser im Architekturforum Zürich über Hitzearchitektur im Holzbau. Im Zentrum stand nicht eine einzelne technische Lösung. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Entwurf, Konstruktion, Materialwahl, Speichermasse, Nachtauskühlung und aussenliegendem Sonnenschutz.
Die Erkenntnis betrifft den gesamten Bauprozess. Sommerlicher Komfort beginnt mit dem Städtebau, der Setzung eines Gebäudes und seiner Orientierung. Er entscheidet sich an der Fassade, bei Fensterflächen und tief liegenden Räumen ebenso wie beim Betrieb.
Ein Holzbau unter Beobachtung
Das 2024 fertiggestellte Stammhaus von Blumer Lehmann steht auf dem Erlenhof in Gossau SG. K&L Architekten entwarfen das Empfangs- und Bürogebäude als fünfgeschossigen Holzbau mit zentralem, mehrgeschossigem Atrium.
Das Gebäude setzt auf mehrere Ebenen des Hitzeschutzes. Ein gedecktes Atrium, steuerbare Fenster, Nachtauskühlung und eine Wärmepumpe mit geothermischer Nutzung über aktivierte Pfähle gehören zum Konzept. Die umlaufenden Balkonschichten auf drei Seiten und aussenliegende textile Storen reduzieren den direkten Wärmeeintrag.
Der erste Hitzesommer zeigt Grenzen
Der Praxistest fiel differenziert aus. Bei länger anhaltend hohen Temperaturen verlor die Nachtauskühlung an Wirkung. Das Freecooling über die geothermische Anlage funktionierte dagegen weiterhin. Im obersten Geschoss litt die Aufenthaltsqualität, weshalb zusätzliche Fensterflügel motorisiert werden sollen.
Das Beispiel zeigt den Kern der neuen Aufgabe. Passive Massnahmen bleiben unverzichtbar. Doch bei tropischen Nächten reichen sie nicht immer aus. Gebäude brauchen deshalb robuste Konzepte, die auch dann funktionieren, wenn die Aussenluft nachts kaum mehr abkühlt.
Standards denken weiter
Die Branche reagiert auf den Klimawandel. Bei Minergie ist der sommerliche Wärmeschutz seit der Standardrevision 2023 verbindlich anhand künftiger Klimadaten nachzuweisen. Für die Zertifizierung gelten Wetterdaten für das Jahr 2035. Ein Minergie-Wohnbau darf bei Standardnutzung nicht mehr als 100 Stunden pro Jahr über 26,5 Grad aufweisen.
Die Rechenbasis ist ein Fortschritt. Sie zwingt Planende, nicht nur den vergangenen Sommer zu betrachten, sondern die kommende Belastung. Minergie stellt dafür auch Szenarien bis 2060 und Daten zum städtischen Wärmeinseleffekt zur Verfügung.
Die Stadt baut mit
Hitzetauglichkeit endet nicht an der Grundstücksgrenze. Begrünte Freiräume, entsiegelte Flächen, beschattete Wege, Bäume und wassersensible Gestaltung senken die Belastung im Quartier. Dichte Stadtentwicklung braucht deshalb nicht weniger Stadt, aber intelligentere Oberflächen und kühlere Aussenräume.
Der Holzbau bleibt ein wichtiger Baustein des klimaverträglichen Bauens. Doch sein Klimavorteil entbindet nicht von der Verantwortung für sommerlichen Komfort. Gute Architektur wird künftig daran gemessen, ob sie auch nach einer heissen Nacht noch ein Ort zum Arbeiten, Wohnen und Erholen ist.