Die Stadt, die sich selbst blockiert
Eine der renommiertesten Raumplanerinnen der Schweiz nimmt ihre eigene Heimatstadt ins Visier. Sibylle Wälty von der ETH Zürich wirft Baden vor, viel zu zurückhaltend zu bauen, während die Stadt eigentlich doppelt so vielen Menschen Platz bieten könnte. Ihr Fazit fällt deutlich aus, die neue Bau- und Nutzungsordnung verpasst eine historische Gelegenheit.
Badener Altstadt. Foto: Johannes Menzel / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Wälty kritisiert die neue BNO als mutlos und sieht darin ein simples Weiterführen der bisherigen Praxis. Die vom Raumplanungsgesetz geforderte Innenverdichtung finde schlicht nicht statt. Besonders stört sie, dass die Stadt nicht plausibel zeigt, wo die vom Kanton geforderten über 6’000 zusätzlichen Menschen bis 2040 überhaupt leben sollen.
Wo Baden verdichten könnte
Nach Wältys Einschätzung liesse sich fast überall mehr bauen, etwa in der Oberstadt, im Meierhof, im Kappelerhof und in Baden Nord. Der Charme einer verdichteten Stadt liegt für sie in der 10-Minuten-Nachbarschaft, wo Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit fussläufig erreichbar sind. Weniger Autoverkehr, mehr Flexibilität im Alter und tiefere Gesamtkosten für die Gesellschaft wären die Folge.
Widerstand aus der eigenen Reihe
Ein Grund für den fehlenden politischen Druck liegt laut Wälty darin, dass viele Entscheidungsträger selbst schon in Baden wohnen und keinen Änderungsdruck spüren. In Flawil im Kanton St. Gallen habe sich mit ihrem ETH-Spin-off Resilientsy gezeigt, dass Menschen durchaus offen für Veränderung sind, sofern man ihnen die Auswirkungen in Szenarien aufzeigt. Ein eigenes Pilotprojekt für die Oberstadt und Teile des Meierhofs sei bei der Bevölkerung auf Interesse gestossen, doch die Stadt habe es nicht weiterverfolgt.
Platz für 50’000 Menschen
Bei konsequenter Verdichtung könnte Baden nach Wältys Berechnung zwischen 45’000 und 50’000 Menschen aufnehmen, doppelt so viele wie heute. Die Topografie mit viel Wald erschwere zwar Höherbauten, dennoch reiche der aktuelle Plan von nur einem zusätzlichen Geschoss an ausgewählten Standorten bei weitem nicht aus.
Die Kosten des Zögerns
Wenig gebaut wird laut Wälty nicht nur in Baden, sondern auch in Zürich, weshalb Arbeitskräfte in den Aargau und Thurgau ausweichen. Bleibt der Wohnraum knapp, während die Nachfrage weiter steigt, ist die Folge klar, Miet- und Immobilienpreise ziehen weiter an. Gesamtgesellschaftlich wäre eine stärkere Verdichtung in der Stadt sinnvoller, weil Infrastrukturkosten pro Kopf in Aussengemeinden deutlich höher ausfallen.
Quellenverweis auf «Badener Tagblatt, Interview von Pirmin Kramer mit Sibylle Wälty, 4. Juli 2026»