Das Limmattal braucht endlich eine Strategie

Balz Halter hat das Limmattal als Entwicklungsraum erkannt, als andere noch zögerten. Unternehmer Balz Halter über rationale Standortwetten, politische Handlungsfähigkeit und die Frage, warum die Region endlich eine übergeordnete Strategie braucht, bevor das Wachstum zum Flickwerk wird.

Juni 2026

Arun Banovi: Herr Halter, Sie gelten als jemand, der früh auf Standorte setzt, bevor sie offensichtlich werden. Woher kommt dieses Gespür?
Balz Halter: Das ist weniger ein Gespür, als einerseits die Beobachtung und Interpretation von Fakten und Entwicklungen und anderseits der Mut, dieser Überzeugung zu folgen.

Arun Banovi: Was hat Sie ursprünglich stärker angetrieben, das Bauen, das Unternehmertum, das Risiko oder der Wunsch, etwas zu verändern?
Balz Halter: Im Vordergrund steht für mich das Unternehmertum, die Möglichkeit, etwas zu schaffen und zu bewirken. Dass es das Bauen ist, ist zwar eher der Tatsache geschuldet, dass ich in eine Baumeisterfamilie hineingeboren bin. Aber mit Bauen gestaltet man die Umwelt, schafft Dauerhaftes. Das ist schon sehr faszinierend.

Arun Banovi: Sie haben früh an das Limmattal geglaubt. War das damals eine rationale Standortanalyse oder auch ein Bauchentscheid?
Balz Halter: Das war sehr rational, mit einem längerfristigen Horizont. Es war mir klar, dass sich das Limmattal gut entwickeln würde. Aber es brauchte Geduld und Beharrungsvermögen. Zudem war ich überzeugt, dass wir mit guten Entwicklungen selber zur Verbesserung der Attraktivität beitragen können.

Arun Banovi: Was kann das Limmattal heute besser als Zürich und was wird es nie besser können?
Balz Halter: Natürlich wird Zürich immer das wirtschaftliche Zentrum der Region bleiben und mit dem See und seiner historischen Stadt höchste Attraktivität geniessen. Die Chancen des Limmattals liegen dagegen in den noch vorhandenen Entwicklungspotenzialen und in der Tatsache, dass es dank der Vielfalt der Gemeinden politisch handlungsfähiger bleibt als das ideologisch festgefahrene Zürich.

Arun Banovi: Wenn Sie das Limmattal mit Zürich Nord, dem Glattal oder der Flughafenregion vergleichen, wo ist es stärker und wo muss es noch aufholen?
Balz Halter: Das Limmattal liegt verkehrstechnisch besser, dank seiner Nähe zu Zürich und der direkten Anbindung zu den weiteren Wirtschaftszentren der Schweiz. Und mit der Limmat und den nahen Hügelketten besitzt es enormen Naherholungswert. Die Glattalgemeinden haben früher erkannt, dass sie sich auch als Region verstehen, organisieren und entwickeln müssen. Da muss das Limmattal über Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinaus noch zulegen.

Arun Banovi: Hat das Limmattal inzwischen genügend eigene Substanz oder lebt es noch zu stark von der Nähe zu Zürich?
Balz Halter: Das Limmattal ist noch immer eine der dynamischsten Regionen der Schweiz. Aber es wird immer Teil der Wirtschaftsmetropole bleiben. Wenn es seine Stärken als Gesamtregion ausspielt, kann es jedoch durchaus ein gesundes Selbstverständnis gegenüber der Stat Zürich entwickeln.

Arun Banovi: Hat das Limmattal eher ein Profilproblem, ein Führungsproblem oder ein Umsetzungsproblem?
Balz Halter: Es ist noch etwas von allem. Aber viele Gemeindevertreter scheinen zu erkennen, dass man Herausforderungen und Chancen besser im regionalen Verbund angehen muss. Das stimmt zuversichtlich. Ändert sich das Bewusstsein, entstehen auch Strukturen und Dynamiken, die zur Umsetzung führen.

Arun Banovi: Sie haben die Limmatstadt AG stark mitgeprägt. Warum hat die Idee einer gemeinsamen Limmatstadt aus Ihrer Sicht nicht die Wirkung entfaltet, die man sich ursprünglich erhofft hatte?
Balz Halter: Noch nicht. Die Idee wird sich auf die Länge durchsetzen. Interessant war zu sehen, wie sich der Widerstand gegen die Limmattalbahn sukzessive gelegt hat. Heute ist sie nicht mehr wegzudenken und als städtischer Verkehrsträger hoch akzeptiert.

Arun Banovi: Wenn Sie auf Ihre Geschichte im Limmattal zurückblicken: Was war Ihr wichtigstes Learning, und welche Entscheidung würden Sie heute nicht mehr gleich treffen?
Balz Halter: Entscheidend für die Entwicklung einer Gemeinde ebenso wie für Immobilienprojekte ist, wer in der Regierung einer Gemeinde sitzt. Schlieren konnte sich beispielsweise vom «Abfallkübel des Kantons» – wie es einst betitelt wurde – zu einer attraktiven Stadt entwickeln, weil der Stadtrat vor gut 20 Jahren mutig und weitsichtig die Weichen richtig gestellt hatte. Auf die richtigen Gemeinden zu setzen, ist ein wichtiges Learning. Rückblickend würde ich wieder gleich vorgehen.

Arun Banovi: Private Entwickler sind oft schneller als Politik und Verwaltung. Wo beginnt Verantwortung und wo wird ein Entwickler plötzlich zum Ersatz für fehlende Standortpolitik?
Balz Halter: Wenn es Gemeinden versäumen, die Standortentwicklung strategisch zu planen und in allen Politikbereichen, insbesondere in der Nutzungsplanung umzusetzen, füllen Immobilienentwickler das Vakuum. Viele Entwickler versuchen ihr Bestes. Aber ihre Möglichkeiten enden an den Parzellengrenzen. Wenn die öffentliche Hand ihrer Verantwortung nicht nachkommt und übergeordnet plant, wird das weitere Wachstum immer Flickwerk bleiben; eine Ansammlung autistischer Bauten, ohne Kontext und Identität.

Arun Banovi: Was müsste passieren, damit ein Unternehmen sagt: Wir gehen bewusst ins Limmattal und nicht einfach in die Nähe von Zürich?
Balz Halter: Sobald alle drei Röhren am Gubrist aufgehen, wird das heute schon attraktive Limmattal als Unternehmensstandort nochmals dazu gewinnen, aufgrund seiner verkehrsstrategischen Lage.
Arun Banovi: Was würden Sie sich für das Limmattal wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Arun Banovi: Was würden Sie sich für das Limmattal wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?
Balz Halter: Das Limmattal braucht dringend eine regionale Entwicklungsstrategie, mit einer ihr entsprechenden Raumplanung, resp. Stadtplanung. Das Wachstum sollte primär in den besterschlossenen Zentren stadtfinden, wo durch gute Planung und hohe Intensität attraktive, lebendige Stadtzentren und Stadtquartiere entstehen. Das schont die Landschaft, reduziert Verkehr und entlastet die dörflich orientierten Gemeinden.

Interview: Arun Banovi, immoMedia GmbH • Bilder: zVg.

Zur Person

Balz Halter, geb. 1961, ist Hauptaktionär und Verwaltungsratspräsident der Halter Gruppe AG, eine in der Schweiz führende Unternehmens-Gruppe der Bau- und Immobilienindustrie. Als Entwickler, Gesamtleister und Immobiliendienstleister entwickelt und realisiert die Halter Gruppe in der gesamten Schweiz Immobilienprojekte von kleineren Renovationen bis zu grossen Arealen. Der Ingenieur ETH und Jurist engagiert sich seit Jahren in innovativen Konzepten und Technologien der Bau- und Immobilienindustrie und seit 2023 bei URBANISTICA für nachhaltige Raumplanung und guten Städtebau.

Weitere Artikel