Bauland gibt es genug, nur niemand baut

Die Schweiz diskutiert Wohnungsnot. Die FDP will deshalb wieder mehr Land einzonen. Doch eine aktuelle Studie zeigt, das Problem liegt woanders. Bauland ist vorhanden, es wird bloss gehortet. Wer die Raumplanung jetzt lockert, opfert das klügste Gesetz der letzten Jahrzehnte.

Juni 2026

Nach dem Nein zur 10-Millionen-Initiative fordert FDP-Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher einen Kurswechsel. Kantone und Gemeinden sollen mehr Spielraum bei der Ausscheidung neuer Bauzonen erhalten. «Wir sollten Land einzonen», sagt sie, das Pendel habe zu stark in Richtung Verdichtung ausgeschlagen. Wer über explodierende Mieten, rekordtiefe Leerwohnungsziffern in Zürich und Genf oder siebenstellige Kaufpreise am Zugersee spricht, landet irgendwann beim eigentlichen Grund der Dinge, dem Boden.

41’291 Quadratkilometer, nicht mehr
Die Schweiz umfasst 41’291 Quadratkilometer. Ein Drittel ist Hochgebirge und Gewässer, ein weiteres Drittel Wald. Was bleibt, teilen sich Siedlungen und Landwirtschaft, hier spielt der eigentliche Verteilkampf. Einzonungen sind nach dem geltenden Recht weiterhin möglich. Aber sie dürfen nicht mehr nach dem blossen Belieben einer Gemeindeversammlung oder lokaler Baufürsten erfolgen, sondern müssen sich in ein übergeordnetes Konzept einfügen. Genau das ist der Kern der RPG-Revision I.

Das Meisterstück von 2013
Bis zur Volksabstimmung im März 2013 bestimmten Kantone und Gemeinden weitgehend selbst, wo gebaut wurde. Das Resultat im Mittelland, ein planlos ausfransender Siedlungsbrei, massenhafter Landverschleiss, Zersiedelung. Die RPG-Revision I setzte dieser Anarchie ein Ende. Entwicklung nach innen, kompakte Siedlungen, Baulandreserven begrenzt auf einen 15-Jahres-Bedarf. Wo dieser Bedarf überschritten wurde, besonders ausgeprägt im Wallis, verordnete der Bund Rückzonungen. Wer neu einzont, zahlt seither eine Gewinnabgabe, die wiederum Eigentümer von Rückzonungen entschädigt. Ein System mit innerer Logik.

Ein Ausnahmefall in der Schweizer Politik
Dieser Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit. In der Sozial- und Gesundheitspolitik treten wir seit Jahren auf der Stelle. Wirksame Lösungen für die Altersvorsorge, die Invalidenversicherung oder die steigenden Krankenkassenprämien werden, wenn sie überhaupt aufs Tapet kommen, effektiv weglobbyiert. Die Sicherheitspolitik ist ein von Pleiten und Fehlbeschaffungen geprägtes Narrenspiel. In der Europapolitik dominieren Abwehrkämpfe. Ganz anders die Raumplanung. Die RPG-Revision I hat gezeigt, wozu die politischen Institutionen in ihren besten Momenten fähig sind, strukturell, nachhaltig, mutig.

Bauland gibt es genug
Eine Studie von Raiffeisen Schweiz vom Februar 2026 widerspricht der FDP-Diagnose fundamental. Die bestehenden Baulandreserven bieten Platz für 950’000 bis 1,5 Millionen Menschen. Die 10-Millionen-Schweiz würde rein rechnerisch keinen einzigen zusätzlichen Quadratmeter Bauzone nötig machen. Viele Grundeigentümer haben jedoch kein Interesse zu bauen. Unbebautes Bauland dient als Parkplatz, Lagerfläche oder schlicht als Wertanlage für kommende Generationen. Wer in den letzten 25 Jahren Bauland hortete statt bebaute, erzielte eine Rendite von 592 Prozent.

Was wirklich hilft
Boden lässt sich nicht erwirtschaften und noch weniger wie Geldscheine nachdrucken. Hat man ihn einmal versiegelt, ist das irreversibel. Neue Ansätze zur Mobilisierung von bestehendem Bauland, gezielte Anreize für Eigentümer und eine konsequente Verdichtung im Bestand wären der richtige Weg. Einzonungen als schnelle Antwort auf die Wohnungsnot wären das Falsche zur falschen Zeit und sie würden ausgerechnet jenes Gesetz untergraben, das die Schweizer Politik in einem ihrer besten Momente beschlossen hat.

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