48’000 Wohnungen und trotzdem zu wenig Tempo

Das Schweizer Bauhauptgewerbe hat im ersten Halbjahr 2026 an Fahrt gewonnen. Der Hochbau wächst kräftig, getragen vom Wohnungsbau und von öffentlichen Projekten. Doch hinter den guten Zahlen zeigt sich ein strukturelles Problem. Aufträge sind vorhanden, aber Planungen, Bewilligungen, Einsprachen und Rekurse verlängern den Weg bis zur fertigen Wohnung oder Infrastruktur.

Schweiz, September 2026

Im zweiten Quartal 2026 erzielte das Bauhauptgewerbe einen Umsatz von 6,2 Milliarden Franken. Das entspricht einem Plus von 1,3 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Über das gesamte erste Halbjahr stieg die Bautätigkeit um 3,1 Prozent, der Auftragseingang um 1,6 Prozent.

Der Hochbau setzte dabei den stärkeren Akzent. Wohnungsbau und öffentlicher Hochbau wuchsen im ersten Halbjahr jeweils um mehr als 5 Prozent. Im Tiefbau ging die Bautätigkeit dagegen um 2 Prozent zurück. Ende Juni lag der Arbeitsvorrat im Hochbau bei 8,7 Milliarden Franken, im Tiefbau bei 8,2 Milliarden Franken.

48’000 Wohnungen in Sicht
Der Wohnungsbau reagiert auf die hohe Nachfrage und die angespannt bleibenden Wohnungsmärkte. Gemäss Schweizerischem Baumeisterverband lassen die im Jahr 2025 erteilten Wohnbauaufträge für 2026 auf rund 48’000 neue Wohnungen schliessen. Das Angebot nähert sich damit der Nachfrage zumindest wieder an.

Doch die Zahl braucht Einordnung. Der Arbeitsvorrat ist heute wesentlich grösser als früher. Während er in den 2000er-Jahren ungefähr fünf Monaten Bautätigkeit entsprach, liegt er seit 2020 bei rund acht Monaten. Das sichert Auslastung, ist aber auch ein Zeichen dafür, dass Wohnprojekte vom Auftrag bis zur Fertigstellung länger brauchen.

Der Engpass liegt vor der Baustelle
Verdichtung ist anspruchsvoll. Sie verlangt koordinierte Planung, komplexe Verfahren und oft einen Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Einsprachen und Rekurse können Projekte zusätzlich verzögern. Deshalb ist ein hoher Auftragsbestand kein verlässlicher Frühindikator für kurzfristig verfügbaren Wohnraum.

Für 2027 dürfte sich der Wohnungsbau wieder abkühlen. Die Wohnbaugesuche entwickelten sich 2025 schwächer. Im ersten Halbjahr 2026 wurden im Wohnungsbau zwar ähnlich viele neue Aufträge vergeben wie im Vorjahr, für die zweite Jahreshälfte erwartet der Baumeisterverband jedoch eine tendenziell sinkende Dynamik.

Tiefbau in Wartestellung
Im Tiefbau fehlt es nicht primär an Arbeit. Der Arbeitsvorrat ist hoch, doch die Bautätigkeit stagniert. Verzögerte Verfahren, begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen sowie der laufende Bahnbetrieb bremsen insbesondere Unterhalt und Ausbau im Schienennetz. Bei National- und Kantonsstrassen bleibt zudem der Preisdruck hoch.

Neue Impulse könnte das Programm Verkehr ’45 bringen. Der Bundesrat will damit bis 2045 den Ausbau von Schiene, Nationalstrassen und Agglomerationsverkehr erstmals in einer gemeinsamen Vorlage koordinieren. Die Vernehmlassung läuft bis 9. Oktober 2026. Anschliessend soll die Botschaft im Februar 2027 ans Parlament gehen.

Wachstum braucht Umsetzungskraft
Die Bauwirtschaft zeigt 2026 kein Boom-Szenario, aber solides Wachstum. Die zentrale Frage lautet nicht allein, wie viele Projekte geplant werden. Entscheidend ist, ob sie rascher und verlässlicher realisiert werden können.

Für Politik, Bauherrschaften und Branche liegt die Aufgabe vor der Baustelle. Schlankere Verfahren, genügend Fachkräfte und langfristig gesicherte Infrastrukturfinanzierung würden aus gefüllten Auftragsbüchern schneller dringend benötigte Wohnungen, leistungsfähige Verkehrswege und funktionierende Städte machen.

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