350 Wohnungen, ein Hochhaus, eine Backstube
In Schlieren entsteht auf dem ehemaligen Industrieareal ein Quartier, das zeigt, wie urbanes Leben in der Schweiz künftig aussehen kann. Zwei Projekte derselben Eigentümerin setzen dabei gegensätzliche Akzente, die sich perfekt ergänzen. Auf der einen Seite Holz, Brot und Gemeinschaft. Auf der anderen Seite Labor, Licht und Life Sciences.
Auf einem ehemaligen Industrieareal entsteht in Schlieren ein Quartier, das zeigt, wie urbanes Leben in der Schweiz künftig aussehen kann. Zwei Projekte derselben Eigentümerin setzen Akzente, die sich perfekt ergänzen. Auf der einen Seite Holz, Brot und Gemeinschaft. Auf der anderen Seite Labor, Licht und Life Sciences. Wer heute die Baustelle am Bahnhof Schlieren betritt, weiss, hier wächst mehr als Beton.
Ein Quartier aus dem Wald
Rund 6’520 Kubikmeter Holz werden für den Lymhof verbaut. Ab dem ersten Obergeschoss entstehen die meisten Gebäudeteile aus diesem nachwachsenden Material. Gesamtleiter Sven Leidenroth von Arcanus erklärt: «Holz ist ein nachhaltiges Material und lässt sich auf der Baustelle gut verarbeiten. Selbst bei Temperaturen unter Null kann man es montieren. Sehr viele Bauelemente werden angeliefert, die umgehend verbaut und gegen Witterung geschützt werden müssen. «Holz ist sensibler als Beton und Mauerwerk», sagt Leidenroth, «und parallel beginnen die Fassadenarbeiten und Installationen. Da müssen alle als Orchester harmonieren.»
Auf dem rund 13’000 Quadratmeter grossen Areal nördlich des Bahnhofs Schlieren schreiten die Arbeiten zügig voran. Rohbau, Holzbau, Haustechnik, Fenstereinbau und Gipserarbeiten laufen gleichzeitig. Sobald Arbeiten in einem Bereich abgeschlossen sind, beginnt dort sofort die nächste Phase. Auch wenn der Holzbau dominiert, braucht es für Untergeschoss, Tiefgarage und Treppenhauskerne grössere Mengen Beton. Dieser wird direkt auf der Baustelle produziert, um unnötige Lastwagenfahrten zu vermeiden. Bis Ende 2026 soll der Holzbau abgeschlossen sein. Ab Sommer 2027 sind die Ersten der 350 Wohnungen bezugsbereit.
Wohnen für alle Lebenslagen
Das Nutzungsangebot im Lymhof ist bewusst breit angelegt. Neben klassischen Wohnungen von 1,5 bis 5,5 Zimmern entstehen Wohnateliers, Lofts und Maisonettes mit gemeinschaftlichem Dachgarten. Flexibl nutzbare Grundrisse und grosse Wohnküchen machen die Einheiten individuell anpassbar. Die Gebäude schmiegen sich um zwei begrünte Innenhöfe. Architekt Lukas Wolfensberger von Clou formuliert die Ambition: «Wir wollen nachhaltige Räume schaffen, die ein bunt durchmischtes Publikum anziehen und zur Gemeinschaft verbinden.» Zusätzlich zu den Wohnungen entstehen Ateliers, Gewerberäume, Quartierangebote und eine Kita.
Brot, Hotel und Community
Im Gasthaus direkt bei der Bahnunterführung betreibt die «Art Bakery» eine Sauerteig-Bäckerei mit Bistro. Betreiber Florian Treu setzt auf natürliche Zutaten: «Unsere Brote enthalten keine Industrie-Hefe und keine Zusatzstoffe.» Das Herzstück ist die Lievito Madre, ein natürlicher Sauerteig, der langsamer und schonender gärt als industrielle Backhefe. Seit dem 19. Mai 2026 gibt es von Dienstag bis Donnerstag jeweils spätnachmittags bereits ein erstes Brotsortiment aus einer Pop-up-Piaggio neben der bestehenden Buvette.
Darüber residiert das Hotel «STEY» mit 46 Doppelzimmern und 5 Suiten. Das Konzept verbindet nordisch schlichtes Design mit Gemeinschaftssinn und Technologieaffinität. Hotelgäste werden animiert, gemeinsame Räume zu nutzen. Wer ressourcenschonend lebt und den Verbrauch tief hält, sammelt Bonuspunkte, einlösbar beim Frühstück. Nachhaltigkeit wird hier nicht nur versprochen, sondern messbar gemacht.
Verbunden mit der Stadt
Der Lymhof wird über die verlängerte Unterführung West direkt mit den Perrons des Bahnhofs Schlieren verbunden. Neun Minuten bis zum Hauptbahnhof Zürich. Die künftige Limmattaler Velobahn führt direkt an der Wiesenstrasse vorbei. Rund 900 Veloparkplätze, Car-Sharing, E-Bikes und Ladestationen machen das Auto zur Ausnahme.
Hochhaus für die Wissenschaft
Auf demselben Areal, unmittelbar am Rietpark, realisiert Geistlich Immobilia mit Koyo ein zweites Leuchtturmzeichen. Das 48 Meter hohe Laborgebäude mit elf Stockwerken und rund 6’000 Quadratmetern Mietfläche richtet sich gezielt an HealthTech-Unternehmen, etablierte Life-Sciences-Firmen und Start-ups. Der Name «Koyo» stammt aus dem Japanischen und beschreibt das Farbenspiel der Herbstblätter. Das Gebäude verbindet flexible Strukturen mit klarer Ästhetik. Die schlanke Stahlbetonstruktur erlaubt es, Decken zu entfernen und vertikale Verbindungen zwischen Etagen herzustellen. Pro Stockwerk stehen rund 570 Quadratmeter zur Verfügung, kombinierbar als Labor oder Büro. Eine Photovoltaikanlage und ressourcenschonendes Bauen runden das Konzept ab. Bezug ist für 2029 geplant.
Geistlich verwandelt sich
Hinter beiden Projekten steht Geistlich Immobilia AG. Die Firma entstand 1999 aus dem Erbe der Leimfabrik Geistlich, seit 1869 in Schlieren ansässig, deren Produktion 2016 eingestellt wurde. Aus industriellem Erbe wird urbane Zukunft. CEO Ladina Esslinger bringt die Vision auf den Punkt: «Ich wünsche mir einen lebendigen Begegnungsort, der dem Quartier amRietpark ein Gesicht gibt und eine Brücke schlägt zum Zentrum von Schlieren jenseits der Gleise.»
Text: Sabine Billeter • Bild: zVg.