Wenn das Dach des Autos zum Kraftwerk wird

Ein Elektroauto, das sich grösstenteils selbst mit Strom versorgt, klingt nach Zukunftsmusik. Doch ein europäisches Forschungsprojekt liefert nun handfeste Zahlen. Solarzellen, direkt in Fahrzeuge integriert, könnten den Strombedarf ganzer Flotten dramatisch senken und gleichzeitig die Netze entlasten. Was technisch möglich ist, überrascht selbst Fachleute.

Mai 2026

Das EU-Forschungsprojekt SolarMoves brachte renommierte Partner zusammen. Im Auftrag der Europäischen Kommission, untersuchten die Unternehmen was  diese wirklich leisten können. Solarmodule werden in Dach, Motorhaube und Seitenwände integriert. Strom entsteht dort, wo er verbraucht wird. Keine neue Infrastruktur, kein zusätzlicher Platzbedarf, keine Mehrbelastung des Netzes.

Zahlen, die aufhorchen lassen
Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Ein PKW in Mitteleuropa kann unter günstigen Bedingungen bis zu 55 Prozent seines jährlichen Energiebedarfs selbst decken. In Südeuropa steigt dieser Wert auf bis zu 80 Prozent. Fraunhofer-Wissenschaftler Christian Braun erklärt, dass die Studie 23 verschiedene Fahrzeugtypen analysierte und dabei Daten aus 1,3 Millionen gefahrenen Kilometern auswertete, kombiniert mit Satelliten- und Meteodaten aus Amsterdam und Madrid.

Ein Milliardeneffekt für Europa
Der systemische Hebel ist enorm. Würden ab 2024 alle neu zugelassenen Fahrzeuge in Europa mit VIPV ausgestattet, könnte der Strombezug aus dem europäischen Netz bis 2030 um 15,6 Terawattstunden sinken. Das entspricht der Jahresproduktion von rund 2.200 Onshore-Windkraftanlagen mit je drei Megawatt Leistung. Lenneke Slooff-Hoek von TNO bringt es auf den Punkt: Elektrifizierung allein reicht nicht. Es braucht Innovationen, die den Energiebedarf strukturell senken.

Logistik als grösster Gewinner
Besonders der Transportsektor dürfte aufhorchen. Lieferwagen, Lkw und Anhänger bieten viel Dachfläche und verbrauchen gleichzeitig grosse Mengen Energie für Kühlung, Heizung und Hilfsaggregate. Bei Elektro-Lkw verlängert VIPV die tägliche Reichweite um bis zu 15 Prozent. Ein Anhänger mit solarbestückten Seitenwänden kann im Sommer bis zu 110 Kilowattstunden pro Tag erzeugen, genug, um Kühl- und Hydrauliksysteme vollständig emissionsfrei zu betreiben. Selbst bei Diesel-Lkw rechnet sich die Investition. Die Amortisationszeit liegt laut Studie unter zwei Jahren.

Was jetzt gebraucht wird
Die Forschenden appellieren an die Politik, die Weichen rasch zu stellen. VIPV soll ins weltweite WLTP-Testverfahren aufgenommen werden, damit CO2-Einsparungen steuerlich anrechenbar sind. Gefordert werden zudem Richtlinien für solarfähige Parkflächen und ein klarer europäischer Rahmen, der VIPV in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie verankert. Die Technologie ist bereit. Jetzt liegt der Ball bei Regulatoren und Investoren.

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