Verkehr 45 treibt die Tunnelkämpfe neu an

Der Bund stellt mit Verkehr 45 Milliardenprojekte erneut auf die Prioritätenliste, obwohl die Eidgenössische Finanzkontrolle die Auswahl und Finanzierung scharf angreift. Besonders beim Grimseltunnel, bei umstrittenen Autobahnausbauten und in Luzern verschärft sich der Verteilungskampf.

Bern/Wallis/Aargau/Genf/Luzern/Basel/Schaffhausen/St. Gallen, September 2026

Der Konflikt entzündet sich an der Reihenfolge. Die Eidgenössische Finanzkontrolle rügte am 14. September 2026, dass für Verkehr 45 zentrale Grundlagen zur Priorisierung fehlen, Wirtschaftlichkeitsannahmen teils zu günstig ausfallen und für die bis 2045 geplanten Ausgaben von rund 50 Milliarden Franken keine gesicherte Finanzierung besteht. Dennoch sollen Anfang 2027 einzelne Projekte im Umfang von 11 Milliarden Franken ans Parlament gehen.

Damit wird aus einer Infrastrukturvorlage ein harter Verteilungskampf um Bauvolumen, Bahnknoten und Strassenkapazitäten. Der Bundesrat hatte die Vernehmlassung zu Verkehr 45 am 19. Juni 2026 eröffnet und Schiene, Strasse und Agglomerationsverkehr erstmals in einem gemeinsamen Paket gebündelt.

Grimsel bleibt der grösste Reizpunkt
Besonders umstritten ist der Grimseltunnel zwischen Innertkirchen und Oberwald. Das Vorhaben gehört zu den priorisierten Bahnprojekten bis 2045, obwohl sein Nutzen politisch und fachlich stark bestritten wird. Die Eidgenössische Finanzkontrolle bezeichnete das Projekt als klar ineffiziente Mittelverwendung. Das Bundesamt für Verkehr rechnet laut Projektangaben mit Kosten von 800 Millionen Franken. Für Standortregionen wäre der Tunnel ein Erreichbarkeitsprojekt, für Kritiker ist er ein teurer Vorrangfall zulasten stärker belasteter Korridore.

Strasse kehrt auf die Konfliktliste zurück
Auch bei den Nationalstrassen öffnet Verkehr 45 alte Fronten neu. Im Ausbauschritt 2027 will der Bund unter anderem den sechsspurigen Ausbau zwischen Aarau Ost und Birrfeld sowie Perly und Bernex vorantreiben. Die Finanzkontrolle hält gerade bei solchen Vorhaben fest, dass Alternativen wie Pannenstreifenumnutzung oder andere Betriebsmaßnahmen zu wenig geprüft wurden. Brisant ist der politische Hintergrund zusätzlich, weil das Stimmvolk den Ausbauschritt 2023 für die Nationalstrassen am 24. November 2024 verwarf. Damals fielen unter anderem Rheintunnel, Fäsenstaubtunnel und die dritte Röhre des Rosenbergtunnels an der Urne durch.

Luzern ringt mit der Grössenordnung
Im Bahnteil steht der Durchgangsbahnhof Luzern für denselben Zielkonflikt mit anderen Vorzeichen. Die verkehrliche Bedeutung des Projekts ist breit anerkannt, doch der Preis verschärft den Wettbewerb um knappe Mittel. Die erste Etappe mit Tiefbahnhof und Dreilindentunnel kostet laut SBB rund 3 Milliarden Franken. Für beide Etappen setzte der Bundesrat im Januar 2026 einen Kostenrahmen von 5,1 Milliarden Franken. Damit konkurriert Luzern direkt mit weiteren grossen Bahnausbauten, die im gleichen Planungshorizont Mittel beanspruchen.

Für die Immobilien- und Standortentwicklung ist genau diese Priorisierung entscheidend. Verkehr 45 legt nicht bloss Trassen fest, sondern verschiebt die Reihenfolge von Erreichbarkeit, Verdichtung und Investitionen im ganzen Infrastrukturraum Schweiz. Welche Projekte Anfang 2027 tatsächlich ins Parlament gelangen, wird deshalb weit über den Verkehrssektor hinaus Wirkung entfalten.

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