Verdichten ja, aber nicht um jeden Preis
Die Schweiz baut in die Höhe. In Zürich stehen über zehn Wolkenkratzer im Bau oder in Planung, auch Genf, Bern und Basel verändern ihre Skylines. Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder ruft nach mehr Hochhäusern. Doch neue Zahlen zeigen, wer hoch baut, baut nicht zwingend für alle.
Mäder appelliert im SonntagsBlick, Hochhäuser seien eine effiziente Form des Bauens und Wohnens. Die Frage «Warum sollte es in Zürich nicht mehr Hochhäuser geben?» klingt nach Pragmatismus. Doch Effizienz und Wohnqualität sind keine Synonyme. Der Verweis auf Hongkong oder Singapur als Vorbilder verdichtet Bevölkerung, nicht Lebensqualität.
Was die Zahlen wirklich sagen
Die Zürcher Kantonalbank hat es nüchtern aufgelistet. Hochhäuser über sieben Stockwerke sparen zwar Land, doch ihre Bewohner beanspruchen im Schnitt mehr Wohnfläche pro Kopf als in niedrigeren Bauten. Mit der Etagenzahl steigt der Anteil an Kleinwohnungen mit ein bis drei Zimmern, attraktiv für wohlhabende Singles und kinderlose Paare, kaum erschwinglich für Familien oder den Mittelstand. Ein Blick in den Zürcher Hochhaus «Sphinx» genügt. Eine 1-Zimmer-Wohnung kostet dort monatlich 3000 Franken, ein Fünftel der Einheiten steht leer.
Boom mit Schönheitsfehlern
Aktuell befinden sich in der Stadt Zürich über 15’500 Wohnungen in Hochhäusern, in Genf sind es 13’770 und in Bern 6’800. Vom Ensemble-Projekt mit zwei 137 Meter hohen Türmen beim neuen Fussballstadion über den Ried Tower in Leutschenbach bis zum Genossenschafts-Tower im Koch-Quartier in Altstetten. Doch das Ensemble-Projekt liegt derzeit auf Eis, ein Rekurs liegt beim Bundesgericht. Hochhäuser sind nicht nur teuer, sie sind auch rechtlich aufwendig.
Verdichten heisst nicht Hochbauen
Die Bundesstrategie «Siedlungsentwicklung nach innen» zeigt den richtigen Weg. 59 Prozent aller Baubewilligungen im Wohnungsbau wurden zuletzt auf bereits bebauten Parzellen erteilt. Das funktioniert auch ohne Wolkenkratzer. Situatives Verdichten, angepasst an Quartiercharakter, Landschaft und Nutzungsmix, schafft dauerhaft mehr als Prestigetürme mit Panoramablick. Der soziale Wohnungsbau braucht keine Höhenrekorde, sondern kluge Grundrisse, günstige Mieten und kurze Wege.
Was jetzt gefragt ist
Die Politik muss Leitplanken setzen, bevor der Markt entscheidet. Hochhäuser dort, wo sie städtebaulich sinnvoll sind und sozial durchmischten Wohnraum schaffen, sind legitim. Als generelle Antwort auf die Wohnungsnot taugen sie nicht. Eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung sieht das übrigens ähnlich. Laut einer Comparis-Umfrage von 2025 lehnen über 50 Prozent höhere Gebäude grundsätzlich ab.