Minergie, aber trotzdem zu heiss

Ein gutes Energielabel sollte vor Sommerhitze schützen, nicht davor kapitulieren. Immer mehr Bewohner von Minergiegebäuden klagen darüber, dass ihre Wohnungen sich trotz strenger Vorgaben auf 28 bis 29 Grad aufheizen. Der Verein Minergie reagiert nun mit einer möglichen Verschärfung der Regeln.

August 2026

Lukas Arnold liess in seiner Minergie-Eigentumswohnung nachträglich eine Klimaanlage einbauen, weil er es sonst bei Hitze nicht mehr aushielt. Er ist nicht allein, viele seiner Nachbarn haben ebenfalls Monoblock- oder Split-Geräte nachgerüstet. Besonders ärgerlich findet er, dass die Komfortlüftung des Gebäudes keine kühle Luft bringt, sondern die Wohnung zusätzlich aufwärmt.

Die Vorgaben wurden schon verschärft, es reicht trotzdem nicht
In der Schweiz gibt es mittlerweile über 60’000 zertifizierte Minergiegebäude, jährlich werden 10 bis 20 Prozent der neuen oder sanierten Bauten mit dem Label ausgezeichnet. Minergie hat die zulässige Zahl an Überhitzungsstunden bereits von 400 auf 100 Stunden pro Jahr gekürzt.

Kühlsysteme statt nur Dämmung
Der Verein steht nun vor einem Dilemma. Eine weitere Verschärfung der Temperaturvorgaben ist laut Meyer-Primavesi kaum mehr ohne den Einbau von Kühlsystemen machbar. Das wiederum steht im Widerspruch zum eigentlichen Ziel des Labels, denn Klimaanlagen erzeugen durch graue Energie zusätzliche Klimagase, während der Bausektor bereits für ein Drittel der gesamten Schweizer CO2-Emissionen verantwortlich ist.

Weg vom Beton, hin zu neuen Materialien
Seit 2025 verpflichtet das revidierte Energiegesetz die Kantone, Grenzwerte für graue Energie festzulegen, Minergie setzt sich hier bereits seit 2023 einen Zielwert, der 10 Prozent unter den künftigen kantonalen Vorgaben liegt. Der neueste Baustandard Minergie-Netto-Null verlangt sogar Gebäude, die über ihren gesamten Lebenszyklus keine Treibhausgase mehr verursachen. Besonders ökologische Baustoffe wie Lehm dürften dabei laut Meyer-Primavesi breite Anwendung finden.

Ein Haus, das CO2 speichert statt es zu erzeugen
In Widnau steht bereits ein Mehrfamilienhaus, das zeigt, wie diese Zukunft aussehen könnte. Die Aussenwände bestehen aus Hanfziegeln und Hanfkalk, die Innenwände aus Lehm, die Pflanze hat beim Wachsen CO2 gespeichert und der Atmosphäre entzogen. Die 50 Zentimeter starken Hanfwände halten die Hitze fern, einfache Lüftungsschlitze sorgen für einen natürlichen Wärmetauscheffekt, ganz ohne Komfortlüftung oder Klimaanlage.

Auch Ökobauten stossen an Grenzen
Ganz perfekt ist auch diese Lösung nicht. Hanfhausentwickler Andy Keel räumt ein, den Zielwert von maximal 26 Grad Innentemperatur nicht in allen Wohnungen erreicht zu haben. Für sein nächstes Projekt mit zehn Wohnungen lässt er nun spezielle Photovoltaik-Läden entwickeln, die sich vor die Fenster schieben lassen und gleichzeitig Sonnenschutz und Energiegewinnung ermöglichen.

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