Gaudís verborgenes Chalet in den Pyrenäen

Lange galt das Chalet von Catllaràs als architektonisches Rätsel ohne unterschriebene Pläne. Eine aktuelle Studie ordnet das abgelegene Gebäude in den Pyrenäen nun eindeutig Antoni Gaudí zu und zeigt, wie radikal er Tragwerk, Geometrie und regionale Bautradition in einem Industrieprojekt verschränkt hat.

Februar 2026

Für das Chalet von Catllaràs existieren weder Originalpläne noch eine offizielle Signatur Gaudís. Die Zuschreibung beruhte jahrzehntelang vor allem auf formalen Ähnlichkeiten zu bekannten Werken. Die 2023 beauftragte Untersuchung durch den Gaudí-Lehrstuhl der Polytechnischen Universität Kataloniens setzte deshalb auf eine andere Strategie, geometrische und konstruktive Analyse statt Archivfund im letzten Moment.

Unter der Leitung von Galdric Santana wurde das Gebäude dreidimensional vermessen, in seinem Tragwerk detailliert untersucht und mit gesicherten Gaudí-Bauten verglichen. Ergänzend wertete das Team historische Fotografien und die Baugeschichte im Umfeld der Projekte für Eusebi Güell aus. Die Studie kommt zum Schluss, dass der Entwurf von Gaudí stammt, die Ausführung jedoch von Dritten verantwortet wurde und vom ursprünglichen Konzept abwich.

Die Logik der Gewölbe
Kern der Argumentation ist das Tragwerk. Das Chalet besitzt einen rechteckigen Grundriss und ein spitz zulaufendes Gewölbedach, das bis fast zum Boden reicht. Dach und Fassade sind konstruktiv eine Einheit, Fenster finden sich ausschliesslich in den Längswänden und wirken wie in das Gewölbe eingeschnittene Mansarden. Die Stirnseiten bleiben geschlossen, statisch konsequent, formal radikal.

Entscheidend ist die zentrale Längsachse, die als tragendes Rückgrat die Geschosse mitträgt. Santana betont, dass diese konstruktive Logik typisch für Gaudí sei. Das Gewölbe dient nicht nur als Decke, es trägt die darüberliegenden Ebenen mit. Grundlage ist das Arbeiten mit Ketten- beziehungsweise Seilmodell. Die durchhängende Linie einer belasteten Kette liefert die ideale Drucklinie eines Bogens. Dreht man dieses Modell um, entsteht eine Gewölbeform, die fast vollständig in Druck beansprucht wird, ein Prinzip, das Gaudí systematisch nutzte.

Eingriffe bei der Ausführung
Die Untersuchung zeigt aber auch, dass die Tragstruktur während der Bauausführung verändert wurde. Statt die Lasten konsequent über das Gewölbe und die zentrale Achse abzutragen, fügten die Ausführenden zusätzliche Querwände ein. Längsbalken übernahmen Teile der Lastabtragung, wodurch die ursprünglich radikale Klarheit des Systems abgeschwächt wurde.

Genau darin sieht Santana einen möglichen Grund, weshalb Gaudí die Urheberschaft nie offensiv beanspruchte. Die „Seilbahn“, das Arbeiten mit der idealen Kettenlinie, wurde im Chalet nicht konsequent für die Abstützung der Bodenplatten umgesetzt. Die Idee ist im Tragwerk ablesbar, ihre konsequente Anwendung aber nur teilweise realisiert.

Gaudí und Güell
Auftraggeber des Chalets war Eusebi Güell, Gaudís zentraler Mäzen. In der Region betrieb er eine Kohlemine und die Zementfabrik Asland. Das Gebäude diente als Unterkunft für Ingenieurinnen, Ingenieure und technische Fachkräfte mit ihren Familien. Damit steht das Haus nicht im Kontext repräsentativer Stadtpaläste, sondern im Spannungsfeld von Industrie, Infrastruktur und harter Gebirgslandschaft.

Zeitlich fällt das Projekt in eine Phase, in der Gaudí parallel an Park Güell und der Kirche der Colònia Güell arbeitete. Dass er die Bauleitung eines abgelegenen Chalets in den Pyrenäen nicht selbst vor Ort übernahm, wirkt vor diesem Hintergrund plausibel. Nach Stilllegung von Mine und Fabrik war das Haus zeitweise Landschulheim, viele Einheimische kennen es aus ihrer Kindheit. Heute ist es restauriert und zugänglich, für die Gemeinde La Pobla ein identitätsstiftender Baustein.

Regionaltypisch und hochgradig rational
Im Œuvre Gaudís nimmt das Chalet eine Sonderstellung ein. Es ist deutlich kleiner als Ikonen wie die Sagrada Família, zeigt aber zentrale Motive seines Denkens. Santana spricht von einer gross angelegten Neuinterpretation der gotischen Berghütten der Pyrenäen. Gaudí greift regionale Bautraditionen auf, transformiert sie aber strukturell und geometrisch.

Die kompakte, in sich geschlossene Form reagiert auf das raue Klima und reduziert den Bauaufwand. Materialien stammen weitgehend aus der Umgebung, das Gebäude fügt sich topografisch in den Hang. Charakteristisch sind zudem die 45-Grad-Verteiler im Grundriss, die Gaudí auch bei der Torre Bellesguard einsetzte. Sie sorgen für fliessende Raumübergänge und brechen starre orthogonale Systeme – ein weiterer Baustein der Identifikation.

Wie Architekturwissenschaft Autorenschaft prüf
Die Studie zum Chalet von Catllaràs ist nicht nur ein Beitrag zur Gaudí-Forschung, sondern auch ein Lehrstück zu Methoden der architektonischen Zuschreibung. Im Unterschied zur Malerei gibt es bei Gebäuden selten eine eindeutige „Signatur“. Werke werden umgebaut, erweitert oder von Mitarbeitenden umgesetzt, Pläne gehen verloren oder existieren nur in Fragmenten. Die Forschenden kombinierten daher geometrische Analysen, Materialuntersuchungen und digitale 3D-Modelle mit historischer Quellenarbeit. Proportionen, Krümmungen und Tragwerkslogik wurden mit gesicherten Gaudí-Bauten verglichen, Fotografien aus der Entstehungszeit ergänzten das Bild. Die Kulturministerin betonte anlässlich der Präsentation, wie unverzichtbar solche wissenschaftlichen Beglaubigungen sind, um Urheberschaft belastbar zu bestimmen. Das Chalet von Catllaràs wird damit vom lokalen Sonderfall zum sauber verorteten Baustein im Werk eines der wichtigsten Architekten der Moderne.

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