Die Stadt formt den Verkehr und der Verkehr formt die Stadt

Warum staut es sich in Los Angeles anders als in Zürich? Und was hat der Bau eines neuen Quartiers mit dem Pendlerverkehr zu tun? Eine neue Studie der ETH Zürich gibt erstmals Antworten und liefert der Stadtplanung ein Werkzeug, das bisher fehlte.

Mai 2026

Forschende der ETH Zürich und der University of Wisconsin-Madison haben Geoinformationsdaten von 30 Grossstädten weltweit mit Staudaten in Beziehung gesetzt. Erstmals gelang es ihnen, nicht nur Korrelationen, sondern echte Ursache-Wirkung-Beziehungen zwischen Stadtveränderungen und Verkehrsfluss nachzuweisen. Die Studie ist im April 2026 in der Fachzeitschrift «Nature Communications» erschienen.

Drei Faktoren, ein Stau
Das Forscherteam um Erstautor Yatao Zhang unterschied drei Dimensionen. Die Struktur des Strassennetzes, die räumliche Form der Stadt und die Funktion einzelner Flächen, also ob dort gewohnt, eingekauft oder gearbeitet wird. Überraschenderweise entscheidet nicht allein das Strassennetz über den Verkehrsfluss. Eine zersiedelte Stadt erzeugt strukturell mehr Verkehr. Die Konzentration von Freizeitangeboten in einem Quartier treibt den Wochenendverkehr hoch. Mischnutzungen hingegen , Wohnen und Arbeiten nah beieinander, verkürzen Pendlerstrecken und reduzieren das Verkehrsaufkommen. «Verkehr entsteht durch das, was Menschen tun, nicht allein durch die Existenz von Strassen», bringt es Zhang auf den Punkt.

Singapur versus Zürich
Der internationale Vergleich zeigt starke Unterschiede. In Singapur sind Wohngebiete klar vom Dienstleistungszentrum getrennt und bauliche Veränderungen schlagen direkt auf die Pendlerströme durch. In Zürich ist diese Kopplung deutlich schwächer, weil Wohnungen über die gesamte Stadt verteilt sind und Arbeitswege kürzer und diverser verlaufen. Solche Unterschiede lassen sich jetzt erstmals systematisch messen und vergleichen.

Was das für die Planung bedeutet
ETH-Professor Martin Raubal, der die Studie betreut hat, sieht grosses Potenzial für die Stadt- und Verkehrsplanung. Die neue Methode erlaubt Prognosen darüber, wie sich ein Eingriff, etwa der Bau eines grossen Einkaufszentrums, mittelfristig auf den Verkehr auswirkt. Städte könnten damit Massnahmen besser simulieren, bevor sie umgesetzt werden. Für konkrete Empfehlungen in Zürich oder anderen Städten braucht es allerdings noch vertiefende Detailanalysen.

Daten aus offenen Quellen
Als Datenbasis diente hauptsächlich Open Street Map, ergänzt durch Verkehrsstaudaten von Here Technologies, die weltweit alle fünf Minuten aktualisiert werden. Allein für Los Angeles flossen die Stauwerte von über 18’000 Strassenabschnitten in die Auswertung ein. Dass eine solche Studie auf öffentlich zugänglichen Geodaten basiert, macht den Ansatz reproduzierbar und skalierbar.

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