DGNB-Zertifikat für Rückbau in der Schweiz
Wo bis vor wenigen Jahren ein Getreidesiloturm aus den 1930er Jahren stand, ragt heute ein eleganter Wohnturm mit 30 Meter hoher Solarfassade in den Prättigauer Himmel. Die Mühle Grüsch in der Bündner Gemeinde Grüsch ist das erste DGNB-zertifizierte Rückbauprojekt der Schweiz. Kein Einspruch, keine Kompromisse und ein Baukonzept, das konsequent zu Ende gedacht ist.
Bild: Holcim (Schweiz) AG, Beitrag «Nachhaltiger Wohnbau in Grüsch»
Der Getreidesiloturm von 1939 wurde abgebrochen, sein Beton jedoch nicht entsorgt. Im nahegelegenen Betonwerk wurde das Material nach einer eigens entwickelten Rezeptur aufbereitet und im Neubau zu 75 bis 95 Prozent als Rezyklat wiederverwendet. Rund 60 Prozent des neuen Gebäudes bestehen aus dem alten Turm. Bauherrin ist die Gutgrün AG aus Chur, die bewusst auf kurzfristige Gewinne verzichtete, um das Nachhaltigkeitskonzept konsequent umzusetzen.
52 Wohnungen, drei Zertifikate
Das Projekt umfasst 37 Mietwohnungen auf elf Etagen im neuen Wohnturm sowie 15 Loftwohnungen im sanierten historischen Mühlegebäude. Die Architekten vom Büro Ritter Schumacher haben alle verbauten Materialien in einem Gebäuderessourcenpass erfasst. Ein vorausschauender Ansatz, der zukünftige Lebenszyklen bereits heute transparent macht. Für diese Leistung wurde das Projekt mit drei DGNB-Zertifikaten ausgezeichnet. DGNB-Platin für den Rückbau, DGNB-Gold für den Neubau des Turms und DGNB-Gold für die Sanierung des Altbaus.
Brandschutz neu erfunden
Die 30 Meter hohe Photovoltaik-Fassade stellt herkömmliche Brandschutzvorschriften vor ein Problem. Sie verlangen in jedem Geschoss Abschottungen, die ein Feuerspringen von Etage zu Etage verhindern. Das hätte die Fassade unterbrochen und ihre Effizienz empfindlich gemindert.
Die PV-Fläche wird nirgends durch Fenster unterbrochen und ist durchgängig vom Boden bis zum Dach geführt. Fachplaner, ausführende Firmen und Versicherung entwickelten gemeinsam eine massgeschneiderte Lösung. Feuer kommt von innen nicht an die Fassade und von der Fassade nicht in die Wohnungen.
Allianz statt Konflikt
Das Projekt wurde im Allianzmodell gebaut. Bauherrschaft, Planer und ausführende Firmen sassen von Beginn an gemeinsam am Tisch. Probleme aus der Baupraxis flossen so direkt in die Planung ein. Die Grundhaltung waren Vertrauen und Fairness statt reiner Risikoabsicherung. Auch ein Detail zeugt vom unkonventionellen Geist, die Graffiti, die das leerstehende Gebäude zierten, wurden als Dekorelemente im Treppenhaus erhalten.
Ein Signal für die Branche
Gegen das Umbau-Projekt gab es keinen einzigen Einspruch. Das ist für ein Bauprojekt dieser Grössenordnung aussergewöhnlich. Die Mühle Grüsch zeigt, dass zirkuläres Bauen auch in einer Randregion funktioniert und dass Nachhaltigkeit kein Widerspruch zu wirtschaftlicher Tragbarkeit ist.