Beton bekommt einen Ausweg
Zement trägt Städte, Brücken und Gebäude. Zugleich zählt seine Herstellung zu den grössten industriellen CO₂-Quellen weltweit. Der Engpass liegt tief im Brennprozess und lässt sich mit grünem Strom allein kaum auflösen. Eine neue Pilotanlage von Holcim Deutschland zeigt nun einen möglichen Weg aus diesem Dilemma.
Im Zementwerk Höver bei Hannover hat Holcim am 21. August eine membranbasierte Testanlage zur CO₂-Abscheidung in Betrieb genommen. Entwickelt wurde die Technologie am Helmholtz-Zentrum Hereon. Cool Planet Technologies brachte sie zur Marktreife. Die Anlage soll bis zu 90 Prozent des CO₂ aus dem Abgasstrom abtrennen.
Das Verfahren setzt am entscheidenden Punkt an. Beim Brennen der Rohstoffe entstehen grosse Mengen CO₂ direkt aus dem Kalkstein. Diese prozessbedingten Emissionen bleiben auch dann bestehen, wenn erneuerbare Energien fossile Brennstoffe ersetzen. Für die Zementindustrie wird die Abscheidung deshalb zu einem zentralen Hebel auf dem Weg zu tieferen Emissionen.
Aus dem Versuch wird Infrastruktur
Die Pilotanlage soll jährlich bis zu 10’000 Tonnen CO₂ erfassen. Das Zementwerk Höver verursacht laut Medienberichten rund 600’000 Tonnen CO₂ pro Jahr. Damit ist der aktuelle Betrieb ein Test im industriellen Umfeld, noch keine Gesamtlösung. Holcim prüft für die frühen 2030er-Jahre eine Anlage mit einer Kapazität von bis zu 200’000 Tonnen jährlich.
Die Technik arbeitet mit speziellen Polymermembranen. Sie lassen CO₂ schneller passieren als Stickstoff und Sauerstoff. Der CO₂-reichere Strom wird gesammelt und aufbereitet. Der verbleibende Abgasstrom fliesst mit deutlich weniger CO₂ zurück in den Betrieb. Die Anlage lässt sich dem bestehenden Herstellungsprozess nachschalten. Genau diese Nachrüstbarkeit macht den Ansatz für bestehende Zementwerke interessant.
CO₂ wird zum Rohstoff
Das abgeschiedene Gas soll in Partnerindustrien weiterverwendet werden. Diskutiert werden Anwendungen in Chemikalien, Biokraftstoffen und Verpackungsmaterialien. Laut NDR ist ein erster Transport von aufbereitetem CO₂ zu Industriepartnern für März 2027 vorgesehen.
Das eröffnet neue Wertschöpfungsketten. Doch die Rechnung geht nur auf, wenn die Abscheidung energieeffizient funktioniert, genügend Abnehmer vorhanden sind und für verbleibende Mengen auch Transport- und Speicherlösungen bereitstehen.
Mehr als ein Filter
Zement verursacht weltweit rund 8 Prozent der CO₂-Emissionen. Die Anlage in Höver ist daher ein wichtiger Schritt. Sie ersetzt jedoch keine sorgfältige Materialstrategie. Weniger Klinker, rezyklierte Baustoffe, längere Nutzungszyklen und die Weiterverwendung bestehender Gebäude bleiben ebenso zentral.
Für die Immobilienwirtschaft beginnt die Zementwende weit vor dem ersten Betonieren. Sie beginnt bei der Frage, ob ein Neubau nötig ist, welche Konstruktion den Materialeinsatz reduziert und welche Emissionen ein Baustoff über seinen gesamten Lebenszyklus verursacht. Holcims Pilot zeigt eine neue technische Option. Jetzt muss daraus ein wirtschaftlich tragfähiger Standard werden.