Der politische und planerische Druck wächst, weil die demografische Verschiebung längst messbar ist. Das Bundesamt für Statistik weist für Ende 2025 erstmals mehr Menschen ab 65 Jahren als unter 20-Jährige aus. Damit wird aus der Frage des Alterswohnens ein konkreter Auftrag an Gemeinden, Eigentümer und Projektentwickler, Wohnraum früher anpassbar zu planen.
Die nun veröffentlichte Schweizer Wohnstudie 2026 zeigt, wie klar die Bevölkerung diese Zuständigkeiten verteilt. 57 Prozent nennen Staat und Gemeinden als wichtigste Akteure für selbstbestimmtes Wohnen im Alter. 44 Prozent sehen die Immobilienwirtschaft in der Pflicht, generationenfähigen Wohnraum mit passenden Dienstleistungen bereitzustellen. 41 Prozent verorten Verantwortung bei den Betroffenen selbst, Familien und Angehörige kommen nur auf 18 Prozent.
Flexibilität soll zum Baustandard werden
Für den Wohnungsbau ist die Botschaft scharf. 84 Prozent der Befragten wollen, dass Neubauten von Anfang an flexibel und barrierefrei konzipiert werden. Gefragt ist damit kein Sondersegment nur für Hochbetagte, sondern ein Wohnstandard, der Familien, Menschen mit Einschränkungen und ältere Bewohner über verschiedene Lebensphasen hinweg aufnehmen kann.
Für Entwickler und Bestandshalter verschiebt das die Debatte. Anpassbarkeit wird vom Zusatznutzen zur Grundanforderung. Wer Grundrisse, Zugänge und wohnbegleitende Services erst nachträglich nachrüsten muss, riskiert höhere Umbaukosten und verpasste Marktchancen. Früh integrierte Lösungen können dagegen Umzüge aus zu gross gewordenen Wohnungen erleichtern und den Bestand besser durchmischen.
Biberist zeigt die Kostenseite
Wie direkt Gemeinden finanziell unter Druck geraten, zeigt die Jahresrechnung von Biberist. Dort stieg die Pflegekostenfinanzierung von 1’084’159.20 Franken im Jahr 2020 auf 2’162’276.95 Franken im Jahr 2025. Gleichzeitig erhöhte sich die ambulante Krankenpflege von 593’822.23 auf 1’162’360.57 Franken. Zusammen kletterten beide Positionen damit von rund 1,68 Mio. Franken auf rund 3,32 Mio. Franken innert fünf Jahren.
Genau deshalb bekommt betreutes und assistiertes Wohnen auch eine fiskalische Dimension. 76 Prozent der Befragten erwarten vom flächendeckenden Bau von Wohnungen mit integrierten Assistenz- und Pflegediensten auf Abruf eine Entlastung des Gesundheitssystems. Ob diese Rechnung überall aufgeht, bleibt offen. Für Gemeinden ist die Erwartung jedoch schon heute ein Warnsignal, weil steigende Pflegekosten und fehlende passende Wohnungen am Ende in derselben Kasse landen.
Nachbarschaft wird Teil des Produkts
Die Studie verknüpft das Thema zudem mit dem sozialen Umfeld. 68 Prozent sehen in durchmischten Nachbarschaften vor allem Gegenseitigkeit, Alltagshilfe und Austausch zwischen Generationen. Weitere 54 Prozent verbinden solche Wohnkonzepte mit weniger Einsamkeit im Alter und mehr Sicherheit durch soziale Einbindung. Wer neue Wohnprojekte plant, liefert damit nicht nur Fläche, sondern muss auch das Umfeld mitdenken, das selbstbestimmtes Wohnen länger tragfähig macht.
