Zwischen Regulierung und Innovation
Die Schweizer Bauwirtschaft steht vor entscheidenden Herausforderungen: vom Fachkräftemangel bis zur digitalen Transformation, von der Klimaneutralität bis zur zunehmenden Regulierung. Die grösste Herausforderung bleibt jedoch die Verdichtung der Bebauung, die zum Schutz des Territoriums und als Reaktion auf das Bevölkerungswachstum notwendig ist.
Was ist die grösste Herausforderung für die Schweizer Baubranche?
Die Bauwirtschaft steht vor zahlreichen Herausforderungen: Fachkräftemangel, zunehmende Regulierung, Klimaneutralität und digitale Transformation. Der SBV investiert daher aktiv in Nachwuchs, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft. Doch die grösste Herausforderung, welche für die Gesellschaft einschneidende Folgen hat, ist die Umsetzung des Raumplanungsgesetzes, sprich die bauliche Verdichtung. Diese ist alternativlos, wenn wir unseren Lebensraum schützen und gleichzeitig das Bevölkerungswachstum bewältigen wollen. Kantone und Gemeinden haben diesbezüglich weitgehend versagt. Wir kommen damit viel zu langsam voran.
Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für den Fachkräftemangel im Bauwesen und wie kann die Branche für junge Menschen attraktiver gemacht werden?
Viele erfahrene Fachkräfte gehen bald in Pension, während nachrückende Jahrgänge fehlen. Zudem gilt die Arbeit auf dem Bau als fordernd und ist mit Vorurteilen behaftet. Dabei bietet das Bauhauptgewerbe sehr attraktive Arbeitsbedingungen: Rund 5000 Franken Einstieglohn und europaweit die höchsten Handwerkerlöhne, Frühpension ab 60 sowie sehr gute Karrierechancen. Um diese Stärken sichtbar zu machen, investieren wir in Berufsmarketing (bauberufe.ch) und entwickeln unser Aus- und Weiterbildungsprogramm stetig weiter. Das zeigt Wirkung: 2024 stieg die Zahl der Lernenden um 10 Prozent.
Mit welchen Strategien und Initiativen will der Baumeisterverband den Beitrag der Bauwirtschaft zu den Schweizer Klimazielen stärken und ausbauen?
Das Bauhauptgewerbe ist zentral für eine nachhaltige Schweiz und hat bereits in den letzten 30 Jahren den Pro-Kopf-Fussabdruck halbiert! Der SBV unterstützt seine Mitglieder dabei, Chancen der Nachhaltigkeit zu nutzen und Wissen aus Forschung in die Praxis zu bringen. Im Fokus steht die Kreislaufwirtschaft mit Lebenszyklus-Betrachtung. Beton ist Recycling-Weltmeister und kann mit CO₂-Speicherung wesentlich zur Klimaneutralität beitragen. Damit kreislauffähige Baustoffe und Bauweisen genutzt werden, müssen Bauherren entsprechend ausschreiben. Die SBV-Toolbox Nachhaltigkeit unterstützt dabei ökologische, wirtschaftliche und soziale Kriterien in Ausschreibungen zu integrieren. Wichtig bleiben beim Gebäudepark energetische Sanierungen sowie Ersatzneubauten, wo sinnvoll.
Wie digital ist die Baubranche und was sind die zukünftigen Trends der Bauindustrie im digitalen Zeitalter?
Die Bauwirtschaft ist digitaler, als oft vermutet; es gibt allerdings noch viel Potenzial. Viele Betriebe nutzen heute digitale Tools für Organisation und Baustellendokumentation. Ein zentraler Hebel ist Building Information Modeling (BIM): Modellbasierte Informationen lassen sich bereits in konkreten Use Cases auf der Baustelle nutzen. Zudem fordern immer mehr Bauherren modellgestützte Ausschreibungen. Weil dabei verbindliche Standards fehlen, entwickelt der SBV bauteilbasierte Kalkulationsgrundlagen. Ergänzend unterstützen wir Unternehmen mit dem digitalen KI-Assistenten Construix.ch, der rechtliche und normative Fragen sekundenschnell beantwortet. Das ist das neue Chat-GPT der Schweizer Baubranche, bald unverzichtbar für jeden Bauspezialisten.
Welche Chancen sehen Sie für das Bauwesen durch den verstärkten Einsatz von 3D-Drucktechnologien?
3D-Druck ist keine neue Technologie mehr. Wir verfolgen sie zwar aufmerksam, insbesondere mit Blick auf Nachhaltigkeit, Effizienz und Bauzeit. Allerdings ist sie derzeit nicht breit einsetzbar, da technische, regulatorische und wirtschaftliche Voraussetzungen fehlen. Einige SBV-Mitglieder erproben Pilotprojekte, doch viele stellen den praktischen Nutzen aktuell noch in Frage. Der SBV positioniert sich vermittelnd zwischen Hype und Realität und betrachtet 3D-Druck als eines unter zahlreichen Mittel zur Produktivitätssteigerung. Als Verband setzen wir bewusst auf Themen, die heute breite Wirkung entfalten, wie etwa BIM oder dem Einsatz von KI. Dort, wo der Hebel am grössten ist.
Welche politischen Reformen sind aus Ihrer Sicht dringend, um die Planungs- und Bewilligungsprozesse zu forcieren?
Das ist für uns die Top-Priorität auf den Weg zur gelungenen Verdichtung! Wir brauchen dazu drei zentrale Reformen: Erstens schnellere Verfahren. Solaranlagen oder Wärmepumpen sollen z.Bsp. im Meldeverfahren laufen, digitale Prozesse konsequent umgesetzt werden. Zweitens müssen Einsprachen eingeschränkt werden. Heute blockieren zu viele querulatorische Fälle den Bau. Erlaubt sein sollen nur noch solche mit schützenswerten Eigeninteressen und Missbrauch soll mit Kostenauflagen verhindert werden. Drittens braucht es mehr Ausgewogenheit zwischen Wohnungsbau und Denkmalschutz: Innenverdichtung, Ersatzneubauten und eine Reduktion der Schutzinventare sind entscheidend, damit der Wohnungsbau nicht blockiert wird. Diese Reformen treiben wir, Hand in Hand mit unseren kantonalen Sektionen, auf alle drei föderalen Ebenen voran.
Wie bewertet die Branche die internationale politische Lage und welche Auswirkungen spüren Sie konkret?
Die globalen Unsicherheiten sind für die Schweizer Immobilienwirtschaft vor allem eine Chance. Die Schweiz als save haven zieht dadurch wohlhabende Ausländer ins Land, welche Immobilien und Infrastruktur nachfragen. Natürlich haben wir auch Risiken bei Lieferketten, steigende Material- und Energiekosten sowie mehr Regulierung, aber die Branche kann damit umgehen und ist daher krisenresistent.
Was motiviert Sie persönlich, sich so stark für die Weiterentwicklung der Schweizer Baubranche einzusetzen?
Ich lebe mit Überzeugung das Schweizer Milizsystem. Unsere Zivilgesellschaft benötigt pragmatische Praktiker an den Schalthebeln und keine Ideologen mit blossem theoretischem Wissen. Die Bauwirtschaft spielt eine zentrale Rolle für unsere gesellschaftliche Zukunft, das motiviert mich. Sie schafft Wohnraum, Infrastruktur und sichere Arbeitsplätze für viele Familien.
Zur Person
Gian-Luca Lardi ist in Poschiavo geboren und aufgewachsen. Er studierte Bauingenieurwesen an der ETH Zürich und schloss einen MBA an der HSG ab. Seine berufliche Laufbahn verbrachte er in der Bau- und Immobilienbranche, zunächst als Planer in Zürich, später in London für einen britischen Baukonzern. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz übernahm er verschiedene Führungspositionen beim Bau von AlpTransit. Zuletzt war er langjähriger CEO eines schweizweiten Bau- und Totalunternehmens und fungierte als Länderchef des globalen Konzerns.
Seit 2015 ist er Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbands und engagiert sich in den Führungsgremien von economiesuisse, dem Arbeitgeberverband und dem Gewerbeverband. Er setzt sich aktiv für die Interessen der Bauindustrie und den Wirtschaftsstandort Schweiz ein. Heute bleibt er in der Bau- und Immobilienbranche unternehmerisch tätig und ist als unabhängiger Verwaltungsrat aktiv.
Lardi ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Töchtern und lebt mit seiner Familie im Tessin.