Locarno ringt um zahlungskräftige Familien
Locarno gilt 2026 laut UBS im Tessin weiter als Topadresse für Haushalte mit tiefem Einkommen. Politisch brisant ist jedoch die andere Seite der Rangliste. Bei mittleren Einkommen liegt die Stadt nur noch auf Rang zwei, bei hohen Einkommen auf Rang drei. Genau dort setzt nun ein neuer wohnpolitischer Vorstoss an.
Der neue Vorstoss der FDP-Fraktion im Gemeinderat datiert vom 16. September 2026 und verlangt vom Municipio eine klare Wohnstrategie für Mittel- und Oberschichtfamilien. Auslöser ist die aktuelle UBS-Rangliste zur Wohnattraktivität. Dort steht Locarno im Tessin bei tiefen Einkommen auf Rang eins, bei mittleren Einkommen aber nur auf Rang zwei und bei hohen Einkommen auf Rang drei.
Für die lokale Planung ist das mehr als eine Imagefrage. Die Fraktion argumentiert, der Engpass liege nicht primär bei günstigen Wohnungen, sondern bei hochwertigen Familienwohnungen mit 4,5 und 5,5 Zimmern, bei attraktiven Quartieren und bei gut gestalteten öffentlichen Räumen. Sie verweist zudem auf eine von der Stadt in Auftrag gegebene Studie, wonach der Wohnungsbestand stark von kleinen Wohnungen geprägt ist und Locarno in den letzten Jahren Familien sowie Einwohner unter 65 Jahren an Nachbargemeinden verloren hat.
Politischer Druck auf die Wohnstrategie
Auf der Website der Stadt ist die Interrogation von Stefano Lappe, Orlando Bianchetti und Mitunterzeichnenden als hängiges Geschäft publiziert. Der Titel macht den politischen Kern bereits sichtbar. Locarno verteidigt seine Attraktivität für Familien mit bescheidenerem Budget, soll aber gleichzeitig auch für Haushalte mit höherer Kaufkraft wieder konkurrenzfähiger werden. Das betrifft die Wohnpolitik direkt, weil zusätzliche planerische Auflagen zugunsten moderater Mieten aus Sicht der Vorstossenden am eigentlichen Marktproblem vorbeigehen könnten.
UBS-Ranking verschiebt die Debatte
Die aktuelle UBS-Auswertung für die Region Ticino zeigt ein gespaltenes Bild. Bei tiefen Einkommen führt Locarno vor Tenero-Contra und Lugano. Bei mittleren Einkommen liegt Lugano vor Locarno, bei hohen Einkommen führen Lugano und Ascona vor Locarno. Für den Wohnungsmarkt der Stadt verschiebt sich damit die Diskussion von der Frage der grundsätzlichen Zugänglichkeit hin zur Frage, welche Wohnungstypen und Quartiersqualitäten für Familien mit höherer Zahlungsfähigkeit fehlen.
Weitere Regulierung ist nur ein Teil der Lage
Hinzu kommt, dass Locarno seit der Feststellung des Bundesamts für Raumentwicklung im Februar 2026 die Schwelle von 20 Prozent Zweitwohnungen überschritten hat. Seither können im Stadtgebiet grundsätzlich keine neuen Zweitwohnungen mehr bewilligt werden, ausgenommen die gesetzlichen Ausnahmen. Dieser Einschnitt verändert die Ausgangslage für den Wohnungsmarkt zusätzlich, beantwortet aber die Frage nach grösseren und qualitativ stärkeren Familienwohnungen noch nicht.
Eine Antwort des Municipio auf den Vorstoss steht per 17. September 2026 noch aus. Offen ist damit auch, ob die Stadt ihre bisherige Wohnpolitik anpasst, die Hangquartiere stärker einbezieht oder das Angebot an grossen Wohnungen gezielt zum Thema macht.