Zwischen Vision und Realität

Das Prestigeprojekt Neom in Saudi-Arabien, Symbol einer technokratischen Zukunft und Herzstück der Vision 2030, steht vor einer markanten Kurskorrektur. Der geplante Mega-Bau «The Line» wurde dramatisch verkürzt und der weitere Ausbau in grossen Teilen gestoppt. Finanzierungsengpässe, politische Umstrukturierungen und ein Mangel an internationalen Investitionen führen zu einer radikalen Neuausrichtung des Milliardenprojekts.

September 2025

Neom und insbesondere «The Line» waren konzipiert, um die Wirtschaft des Landes zu diversifizieren und eine globale Ikone moderner Stadtentwicklung zu schaffen. Die Stadt als 170 Kilometer lange, lineare Megastruktur ohne Autos, vollständig betrieben mit erneuerbaren Energien und urbanen Superlativen, versprach Innovation und weltweite Aufmerksamkeit. Bereits Ende 2024 wurde jedoch bekannt, dass «The Line» statt den ursprünglich vorgesehenen Ausmassen nur in einem 2,4 Kilometer langen Abschnitt verwirklicht wird. Der bisherige Fortschritt beschränkt sich auf Erschliessungen, Infrastruktur, erste Zonen sowie einzelne Demonstrationsanlagen. Vom geplanten Bauvolumen ist in der Wüste wenig sichtbar.

Finanzielle und strukturelle Herausforderungen
Der saudische Ölpreis reicht aktuell nicht mehr aus, um den Haushaltsbedarf zu decken und Megaprojekte im ursprünglich geplanten Umfang zu realisieren. Im ersten Halbjahr 2025 verzeichnete das Königreich ein Haushaltsdefizit von rund 25 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig stagnieren die ausländischen Direktinvestitionen, was die Verantwortung umso stärker auf den öffentlichen Investmentfonds PIF konzentriert, dessen Rücklagen und Gewinne in den letzten Jahren deutlich schrumpften. Auch Kostenexplosionen und operative Lücken im Projektmanagement brachten Zweifel am Gesamtprojekt. Interne Studien veranschlagen die Gesamtkosten für «The Line» inzwischen auf bis zu 8,8 Billionen US-Dollar, um ein Vielfaches mehr, als je zuvor angenommen.

Spaltung und Umverteilung
Mit dem Baustopp wurden nicht nur tausende Arbeitsplätze verlagert oder gestrichen, sondern wesentliche Teilprojekte neuen Strukturen zugeordnet. Der Bereich «Trojena», geplant als Winterresort und Standort der Asian Winter Games 2029, wurde unter Aufsicht des Sportministeriums gestellt. Das Industrieprojekt «Oxagon» wird neu der staatlichen Ölgesellschaft Aramco zugerechnet. Die Luxusinsel «Sindalah» untersteht seit 2024 dem Tourismuskonglomerat Red Sea Global. Die verbleibenden aktiven Teilprojekte schmelzen den Gesamtanteil von Neom am saudischen Staatsfonds auf nur noch sechs Prozent zusammen. Der massive Personalabbau und die Konsolidierung der Strategien unterstreichen die gravierenden Veränderungen.

Folgen für Saudi-Arabiens Zukunftsstrategie
Mit der Redimensionierung des Vorzeigeprojekts stehen zentrale Säulen der Vision 2030 infrage. Weder der geplante symbolische Sprung in eine hypermoderne Gesellschaft noch die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Erdöl sind auf absehbare Zeit gesichert. Grossereignisse wie die Asian Winter Games 2029 oder die Fussball-WM 2034 geraten ins Wanken. Die Führung des Landes demonstriert mit ihrem Kurswechsel auch ein grösseres Bewusstsein für ökonomische Grenzen und Realitäten. Ein Einschnitt, der den Anspruch auf globale Führungsrollen im Städtebau und in der innovativen Staatsentwicklung nachhaltig relativiert.

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