Wohnungen schrumpfen wieder
Immer mehr Menschen leben auf weniger Raum. Neubauwohnungen werden erstmals seit Jahrzehnten kleiner, während die Wohnfläche pro Kopf historisch hoch bleibt. Der Trend verändert Planung, Bau und Energiepolitik grundlegend und macht Fläche selbst zum zentralen Steuerungshebel.
Die Haushalte werden kleiner, die Wohnungen bleiben gross. Die durchschnittliche Haushaltsgrösse ist seit den 1960er-Jahren auf rund zwei Personen gesunken, der Anteil der Einpersonenhaushalte liegt heute bei etwa 41 Prozent, in Grossstädten teils bei der Hälfte aller Haushalte. Gleichzeitig dominiert im Bestand das grosse Mehrzimmer-Appartement, eine strukturelle Fehlanpassung, die den Neubau unter Zugzwang setzt.
Hinzu kommen Preis- und Standortdruck sowie stark gestiegene Boden-, Bau- und Energiekosten. Dies macht grosse Wohnungen für viele unerschwinglich, während Investoren mit kleineren Einheiten pro Quadratmeter höhere Erlöse erreichen. Städtebauliche Leitbilder setzen auf Nachverdichtung statt Einfamilienhaus, der Anteil der Neubauwohnungen in Mehrfamilienhäusern ist gestiegen.
Technische Konsequenzen für Planung und Bau
Kleinere Wohnungen bedeuten nicht weniger Planung, sondern mehr Komplexität auf engerem Raum. Höhere Gebäudedichten, grössere Spannweiten und feinere Lastabtragung fordern die Tragwerksplanung. Die Haustechnik muss mehr Wohneinheiten pro Gebäude versorgen, mit höheren Anforderungen an Schallschutz, Lüftung, Leitungsführung und Zählerlogistik.
Im Brandschutz werden Fluchtwege, Brandabschnitte und Rettungskonzepte anspruchsvoller, weil Verdichtung und Nutzungsmischung zunehmen. Gleichzeitig wächst der Druck auf flexible Grundrisse, die sich teilen, zusammenlegen oder umnutzen lassen, vom Single-Apartment zur Familienwohnung und zurück.
Umbau statt Tabula rasa
Der Neubau allein kann die strukturelle Schieflage zwischen Haushalts- und Wohnungsgrössen nicht beheben. Der überwiegende Teil des Bestands stammt aus Zeiten anderer Wohn- und Familienmodelle. Abriss und Ersatz wären weder ökonomisch noch ökologisch vertretbar.
Damit rückt der Bestand in den Fokus. Teilung grosser Wohnungen, Ergänzungsbauten im Hof, Aufstockungen oder die Umnutzung von Büroflächen werden zur zentralen Ingenieuraufgabe. Technisch heisst das, Eingriffe in Statik und Brandschutz, Nachrüstung der Haustechnik im laufenden Betrieb und Präzisionsarbeit am bewohnten Objekt.
Fläche als unterschätzter Hebel
Die wichtigste Botschaft der Auswertungen, Heizung, Dämmung und Anlagentechnik sind für den Energiebedarf entscheidend. Dabei ist die beheizte Wohnfläche pro Kopf entscheidend. Wer auf weniger Quadratmetern wohnt, reduziert automatisch die Heizlast, den Materialeinsatz und die benötigte Betriebsenergie.
Kleinere und energieeffiziente Wohnungen werden so zum doppelten Schlüssel. Sie passen besser zu kleiner werdenden Haushalten und reduzieren den Energieverbrauch des Gebäudesektors spürbar. Downsizing wirkt unmittelbarer als viele technische Einzelmassnahmen, vorausgesetzt, Grundrisse bleiben lebenswert, adaptierbar und sozial durchmischt.