Warum 2026 zum Bau-Streikjahr werden könnte
Im Bauhauptgewerbe prallen zwei Welten aufeinander. Bauarbeiter, die nach Jahren sinkender Reallöhne familienfreundliche Arbeitszeiten und volle Entschädigung verlangen und Baumeister, die höhere Flexibilität und Kostenstabilität fordern. Gelingt bis Ende Jahr kein neuer Landesmantelvertrag, droht erstmals seit über einem Jahrzehnt ein vertragsloser Zustand und mit ihm ein nationaler Branchenstreik gleich zu Beginn von 2026.
Der Landesmantelvertrag für rund 80’000 Beschäftigte im Bauhauptgewerbe regelt Löhne, Arbeits- und Reisezeiten, Zuschläge sowie Kündigungsschutz und läuft Ende 2025 aus. Nach mehreren ergebnislosen Verhandlungsrunden warnen Unia und Syna, dass ohne Einigung ein vertragsloser Zustand entstehe und ein landesweiter Arbeitskampf wahrscheinlich werde.
Parallel dazu verschärfen die Protesttage, zuletzt im Tessin in mehreren Städten, den Druck auf die Arbeitgeberseite und signalisieren eine hohe Streikbereitschaft an der Basis. In einer grossen Befragung sprachen sich rund 90 Prozent von 20’000 Bauarbeitern für Streikmassnahmen aus, sollte kein tragfähiger Kompromiss zustande kommen.
Forderungen der Gewerkschaften
Im Zentrum der Gewerkschaften stehen drei Themen, familienfreundlichere Arbeitszeiten, rechtssichere Reisezeiten und Sicherung der Kaufkraft. Gefordert werden unter anderem maximal acht Stunden pro Tag, bezahlte Znüni-Pause, volle Anrechnung der Reisezeit zur Baustelle, ein garantierter Teuerungsausgleich sowie reale Lohnerhöhungen nach Jahren sinkender Reallöhne.
Die bisherige Praxis, wonach Reisezeiten oft nur teilweise oder gar nicht bezahlt werden, wurde vom Seco als nicht konform mit zwingendem Arbeitsrecht kritisiert, was den Druck erhöht, diesen Punkt im neuen Vertrag verbindlich zu klären. Aus Sicht der Gewerkschaften ist die Verbesserung der Bedingungen zugleich Antwort auf den Fachkräftemangel, der das Bauhauptgewerbe seit Jahren beschäftigt.
Position der Baumeister
Der Schweizerische Baumeisterverband verweist auf bereits europaweit hohe Mindestlöhne und bietet automatische Teuerungsanpassung auf die Mindestlöhne sowie zusätzliche Lohnerhöhungen über Zulagen in den kommenden Jahren an. Gleichzeitig pocht er auf mehr Flexibilität, Tages- und Jahresarbeitszeiten, mehr Gleitzeit, Arbeit an ausgewählten Samstagen ohne Zuschlag und Anpassungen bei Schlechtwetterregelungen.
Aus Sicht des Verbandes treiben die Forderungen der Gewerkschaften die Lohnkosten um 12 bis 15 Prozent nach oben und gefährden die Wettbewerbsfähigkeit der Branche, insbesondere angesichts steigender Baukosten und unsicherer Auftragslage. Beim Kündigungsschutz älterer Arbeitnehmender signalisiert der Verband gewissen Entgegenkommen, knüpft dies aber an eine Einigung beim Lohnpaket.
Eskalation oder Kompromiss?
Die Gewerkschaften warnen, dass das Flexibilitätsmodell der Arbeitgeber im Ergebnis längere Präsenzzeiten bis zu 50 Stunden pro Woche, mehr Überstunden ohne Zuschlag und höhere Unsicherheit bei Auftragsflauten bringe, mit besonderen Risiken für ältere Bauarbeiter. Der Baumeisterverband kritisiert umgekehrt die Protesttage als Verstoss gegen die vertragliche Friedenspflicht und wirft den Gewerkschaften vor, mit Maximalforderungen einen zukunftsfähigen LMV zu blockieren.
Ob 2026 tatsächlich mit einem landesweiten Bau-Streik startet, entscheidet sich in den nächsten Wochen am Verhandlungstisch. Dort, wo aus harten Positionen ein tragfähiger Kompromiss für eine Branche werden muss, die gleichzeitig unter Kosten- und Fachkräftedruck steht.