Tessin zeigt Weg zur modernen Stromversorgung
Im Tessin entsteht ein Vorzeigeprojekt für die Zukunft der Stromversorgung. Eine Generalstudie von Kanton, Swissgrid, AET und SBB zeigt, wie sich Versorgungssicherheit, Landschaftsschutz und Siedlungsentwicklung vereinen lassen. Der innovative Ansatz ermöglicht den Rückbau von 140 Kilometern Leitungen und soll künftig auch in anderen Kantonen Schule machen.
Das europäische Energiesystem steht vor der grössten Transformation seiner Geschichte. Verkehr, Industrie und Gebäude werden elektrifiziert, der Strombedarf steigt massiv und die Produktion wird dezentraler und volatiler. Für die Schweiz bedeutet das, ihre Netze grundlegend anzupassen. Im Tessin hat man früh die Weichen gestellt. Bereits 2013 holte der Kanton die grossen Akteure, Swissgrid, die Azienda Elettrica Ticinese (AET) und die SBB an einen Tisch, um Stromnetze und Raumplanung gemeinsam zu denken.
Die Analyse zeigte klar, dass die in den 1950er-Jahren entstandene Infrastruktur ineffizient war. Jede Institution hatte für sich Leitungen gebaut, ohne auf Gesamtsicht oder Landschaftsräume Rücksicht zu nehmen. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich an Trassen durch sensible Gebiete. Heute ermöglichen gemeinsame Planungen die Bündelung mehrerer Leitungen auf einer Strecke mit dem Resultat, dass ganze 140 Kilometer überflüssig werden.
Projekte mit nationaler Strahlkraft
Kernstück der Umsetzung sind drei Grossprojekte, Airolo – Lavorgo in der Leventina, All’Acqua – Vallemaggia – Magadino und Lavorgo – Magadino in der Riviera und im Piano di Magadino. Sie bilden das Rückgrat für eine sichere Versorgung der nächsten Generationen. Gleichzeitig schaffen sie die Voraussetzung für den Rückbau alter Leitungen, was das Landschaftsbild deutlich entlastet.
Langwierige Verfahren als Bremse
Der Bau neuer Hochspannungsleitungen dauert in der Schweiz oft mehr als 15 Jahre. Durch die enge Abstimmung im Tessin konnten jedoch Vertrauen, Koordination und gemeinsame Vorschläge entwickelt werden, die föderale Verfahren beschleunigen sollen. Dabei werden Gemeinden und Bevölkerung aktiv einbezogen, um breit abgestützte Lösungen zu erreichen.
Landschaftsschutz und Versorgungssicherheit im Gleichklang
Das Tessin vereint sensible Lebensräume, historische Dörfer und touristisch bedeutende Landschaften mit Seen und Bergen. Der Balanceakt zwischen Versorgungssicherheit und Landschaftsschutz wird hier in beispielhafter Weise gemeistert. Statt einseitig Stromtrassen zu planen, wird das Territorium als Gesamtsystem betrachtet. Ein Ansatz, der die Akzeptanz erhöht und Konflikte reduziert.
Bundesrat will Modell ausweiten
Der innovative Prozess blieb nicht unbemerkt. Der Bundesrat hat die Vorteile erkannt und in einer Vorlage vorgeschlagen, das Tessiner Modell auf weitere Kantone auszuweiten. Damit könnte aus einer regionalen Pionierleistung ein nationales Erfolgsmodell werden, mit Signalwirkung für die gesamte Energiewende.
Das Tessin zeigt, wie die Modernisierung kritischer Infrastrukturen gelingen kann mit technisch effizient, landschaftsverträglich und politisch mehrheitsfähig. Der Rückbau von 140 Kilometern Leitungen ist dabei nur der sichtbarste Erfolg. Entscheidend ist das neue Denken, das Versorgungssicherheit und Lebensqualität gleichermassen stärkt.