Ressourcen schonen und Gebäudelebenszyklen verlängern

In der Schweizer Baubranche gewinnt das Konzept der Kreislaufwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Angesichts der klimatischen Herausforderungen, steigender Ressourcenknappheit und wachsendem Abfallaufkommen verändern innovativen Ansätze das klassische lineare Bauen grundlegend.

Oktober 2025

ETH-Professorinnen Catherine De Wolf und Maria Conen setzen sich für eine radikale Umkehr in der Bauwirtschaft ein. Anstatt alte, energetisch ineffiziente Gebäude zu opfern, plädieren sie für deren Erhalt, Sanierung und Erweiterung. Neben ökologischen Aspekten stehen dabei soziale und kulturelle Faktoren im Fokus. Gebäude beherbergen Identitäten und Geschichten, deren Erhalt wesentlich für das Stadtleben ist. Nachhaltigkeit wird so zur Verbindung von Umwelt, Gesellschaft und Architektur.

Wiederverwendung von Baumaterialien
Ein gutes Beispiel ist die Wiederverwendung von Glaselementen der Aussenrolltreppen des Centre Pompidou in Paris als Bürotrennwände. Die aufwändige Demontage, Sortierung und Reintegration ist kostenintensiv, bietet aber enorme ökologische Vorteile durch deutliche CO₂-Einsparungen und die Vermeidung von Abfall.

Baumaterialien wie Holz und Beton bergen grosses, bislang ungenutztes Potenzial für die Wiederverwendung. Während Holz oft schlicht verbrannt wird, könnten Betonplatten ausgeschnitten und als Wandelemente dienen. Stahlträger werden zwar recycelt, aber meist energieintensiv eingeschmolzen, statt formstabil wiederverwendet zu werden. Die Herausforderungen liegen in der technischen Machbarkeit, Kosten und komplexen Planung.

Digitalisierung und Materialpässe zur Optimierung
Digitale Instrumente wie Materialpässe sollen künftig den Überblick über die Herkunft, Zusammensetzung und Nutzungsdauer von Bauteilen erleichtern. So werden Re-Use und Rückbau effizienter und transparenter. Die Harmonisierung solcher Standards ist Forschungsgegenstand, um in der Branche verbindliche Lösungen zu schaffen.

Rechtliche und normtechnische Barrieren
Ein weiterer Hemmschuh sind die heute vorherrschenden Normen, die primär auf Neubauten ausgelegt sind und Umbauten sowie den Kontext bestehender Gebäude unzureichend berücksichtigen. Dies erschwert Sanierungen und Arbeiten am Bestand aus energetischer Sicht. Gesetze und Vorschriften müssen künftig flexibler gestaltet werden, um zirkuläre Bauweisen zu fördern.

Kreislaufwirtschaft als Wegbereiter für CO₂-Reduktion
Die Baubranche ist verantwortlich für rund 50 Prozent der Ressourcenerschöpfung und erhebliche Mengen CO₂-Emissionen. Kreislaufwirtschaft mindert diese erheblich, indem sie Materialkosten, Abfälle und Energieverbrauch durch Wiederverwendung und modulares Bauen reduziert. Die Rückbaubarkeit durch verschraubte oder gesteckte statt verklebte Verbindungen ist dabei ein Schlüssel.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Die grösste Herausforderung liegt im Aufwand der Demontage und Wiederverwendung sowie der Suche nach Abnehmern für wiederverwendete Materialien. Das Fehlen umfassender Marktstrukturen erschwert eine flächendeckende Umsetzung. Hier setzen Initiativen wie digitale Marktplätze und die Einbindung von spezialisierter Ingenieurskompetenz an.

Modulares Bauen und flexible Nutzungskonzepte wie z.B. museale Nutzung von weniger gut isolierten Gebäuden, zeigen praktikable Zukunftsperspektiven. Vor allem die junge Generation von Studierenden und Forschenden an ETH und anderen Instituten treibt Innovationen voran, was Hoffnung auf eine nachhaltigere Bauwirtschaft macht.

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