Kantone stoppen Brandschutz-Liberalisierung
Nach dem Brand im Wallis, haben die Kantone das Projekt «BSV 2026» gestoppt und die geplante Lockerung der Schweizer Brandschutzvorschriften auf Eis gelegt. Statt deregulieren heisst es vorerst analysieren, klären und neu justieren, mit offenem Ausgang zwischen Verschärfung, Vereinheitlichung oder punktuellen Anpassungen.
Die heute gültigen VKF-Brandschutzvorschriften von 2015 bilden schweizweit den verbindlichen Rahmen für baulichen und technischen Brandschutz. Umgesetzt werden sie durch Kantone und Gemeinden. Für 2026/2027 war eine Totalrevision geplant. Die VKF erarbeitete im Auftrag der Kantone einen rund 500 Seiten starken Entwurf, der unter dem Projekttitel «BSV 2026» seit September 2025 in der technischen Vernehmlassung war.
Ziel war ein moderneres, stärker auf Verhältnismässigkeit, Deregulierung und Kosten-Nutzen-Optimierung ausgerichtetes Regelwerk. Der Ansatz waren klare Schutzziele, vereinfachte Nachweisverfahren und mehr Eigenverantwortung über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes hinweg.
Geplante Lockerungen im Fokus
Kritisch diskutiert wurden vor allem punktuelle Lockerungen. Der Entwurf sah in bestimmten Nutzungsszenarien längere zulässige Fluchtweglängen und vereinfachte Anforderungen an brennbare Bauteile vor. Zudem sollten obligatorische Kontrollen zugunsten von mehr Selbstdeklaration und Eigenverantwortung der Eigentümerschaften teilweise zurückgefahren werden.
Wie viel Normenabbau verträgt ein System, dessen Kernauftrag der Schutz von Menschenleben ist? Kritiker warnten, dass vermeintliche Effizienzgewinne im Ernstfall teuer bezahlt werden könnten.
Marschhalt nach Brandkatastrophe
Die Brandkatastrophe im Wallis in der Silvesternacht hat die Diskussion schlagartig verändert. Das Interkantonale Organ für technische Handelshemmnisse als politischer Auftraggeber des Projekts verfügte Anfang Januar 2026 einen Marschhalt bei den Liberalisierungsbestrebungen.
Die technische Vernehmlassung wird zwar formell bis zum 11. Januar abgeschlossen, das gesamte Reformprojekt jedoch inhaltlich neu beurteilt. Gesicherte Erkenntnisse aus den laufenden Untersuchungen zum Brand sollen sowohl fachlich wie politisch diskutiert und explizit in die weiteren Arbeiten integriert werden.
Kritik an «mehr Markt, weniger Staat»
Schon vor dem Brand äusserten Fachleute und Medien Skepsis gegenüber der Ausrichtung der Revision. Die Stossrichtung «Deregulierung, mehr Eigenverantwortung, weniger Kontrollen» wurde als Risiko interpretiert, Sicherheit zugunsten von Kosteneinsparungen, Flexibilität und Projektbeschleunigung zu schwächen.
Besonders heikel ist die Lage in Kantonen ohne kantonale Gebäudeversicherung wie dem Wallis, wo die Präventions- und Kontrollstrukturen weniger dicht sind. Dort wuchs die Sorge, dass längere Fluchtwege, mehr brennbare Bauteile und reduzierte Aufsicht im Ergebnis höhere Risiken für Grossschäden und Opfer bedeuten könnten.
Wie geht es weiter mit BSV 2026?
Die Vernehmlassung zur technischen Vorlage wird ausgewertet, gleichzeitig erarbeiten IOTH und VKF einen neuen Fahrplan für das Projekt «BSV 2026». Offiziell ist alles offen, von gezielten Präzisierungen über stärkere Vereinheitlichungen bis hin zu Verschärfungen einzelner Anforderungen.
Parallel gewinnt eine andere Debatte an Fahrt. Viele Akteure fordern schweizweit einheitlichere Kontrollen und Mindeststandards, weil die heutige Umsetzung von Brandschutzkontrollen zwischen den Kantonen stark variiert. Der Marschhalt ist damit nicht das Ende der Reform, sondern ein Wendepunkt. Weg von der reinen Deregulierung, hin zu einer Brandschutzpolitik, die Lehren aus Crans-Montana sichtbar und verbindlich macht.