Erdarchitektur als Vorbild für das Bauen von morgen

Im Norden Chinas zeigt die traditionelle Dikengyuan-Bauweise, wie sich extreme Klimabedingungen mit einfachsten Mitteln ausgleichen lassen. Tief in den Lössboden eingeschnittene Erdloch-Häuser schaffen seit Jahrtausenden behagliche Innenräume. Dies ohne Heizung, ohne Kühlung und mit minimalem Ressourceneinsatz.

Foto: picture alliance / Xinhua News Agency | Tao Ming

November 2025

Die Gruben- und Höhlenwohnungen im chinesischen Löss-Plateau gehen auf Siedlungsformen der Jungsteinzeit zurück und gelten als lebendes Fossil der Wohnbaugeschichte. Trotz begrenzter Lebensdauer einzelner Bauten bleibt das Prinzip des eingegrabenen Hofhauses über Jahrtausende erhalten und prägte das Leben von Millionen Menschen.

Historisch dienten die unterirdischen Hofanlagen vor allem der Landbevölkerung, später wohnten auch politische Akteure wie Mao Zedong oder Xi Jinping zeitweise in solchen Höhlenhäusern. Die Siedlungsstrukturen reichen von einzelnen Höfen bis zu nahezu unsichtbaren, zusammenhängenden Dorfnetzen im Untergrund.

Löss als Baumaterial und Bauphysikträger
Tragfähiger, zugleich leicht bearbeitbarer Lössboden bildet die Grundlage dieser Architektur. Wohn- und Nebenräume werden direkt in den gewachsenen Boden geschnitten, meist ohne aufwendige Stützkonstruktionen oder industriell hergestellte Baustoffe. Die Baukosten liegen deutlich unter denen konventioneller Häuser.

Der zentrale, bis zu zehn Meter tiefe Grubenhof mit acht bis zwölf Metern Seitenlänge ist Erschliessung, Lichtquelle und Lüftungsraum zugleich. Über Rampen oder Treppen wird die Hofebene erreicht, während Sickergruben das Regenwasser aufnehmen und Überschwemmungen verhindern.

Thermische Trägheit als Klimamaschine
Die Stärke der Dikengyuan liegt in der konsequent genutzten thermischen Trägheit der Erdmasse. Im Sommer hält die Erdüberdeckung Hitze fern und stabilisiert die Innentemperatur bei rund 14 Grad Celsius, im Winter wirkt die gespeicherte Erdwärme als Puffer gegen tiefe Aussentemperaturen.

So funktionieren die Häuser als weitgehend passive Klimasysteme, die ohne Heizung und Klimaanlage auskommen. Die Bauweise ist damit kein folkloristisches Relikt, sondern ein frühes, hochwirksames Modell für energieeffizientes, an das Lokalklima angepasstes Bauen.

Impulse für energieeffiziente Architektur heute
Für Kader und Fachleute in Planung und Immobilienwirtschaft eröffnen die Dikengyuan wichtige Denkansätze. Lokale Materialien, reduzierte Technik, robuste Bauphysik und die Integration von Gebäuden in den Boden als Klimahülle. Angesichts von Netto-null-Zielen und Ressourcenknappheit zeigen sie, wie resiliente, kostengünstige Wohnformen jenseits hochkomplexer Haustechnik aussehen können.

Die Herausforderung besteht darin, diese Prinzipien in zeitgemässe Typologien, Normen und Bauprozesse zu übersetzen, Von teilweise eingegrabenen Gebäuden bis zu hybriden Lösungen im verdichteten urbanen Kontext. So wird aus jahrtausendealter Erdarchitektur ein Labor für zukunftsorientiertes, klimaresilientes Bauen.

Weitere Artikel