Altbewährte Baustoffe neu interpretiert

Immer mehr Pilotprojekte und Forschungsinitiativen zeigen, mit dem verstärkten Einsatz von natürlichen, lokal verfügbaren Baustoffen kann die Baubranche ihre Klimabelastung deutlich reduzieren. Gleichzeitig eröffnen sich gestalterische, wirtschaftliche und gesundheitliche Vorteile. Die Schweiz steht an vorderster Front bei der Entwicklung und Anwendung dieser erneuerten Traditionen.

September 2025

Nachhaltige Baustoffe wie Lehm, Holz und Stroh überzeugen durch ihre positive Klimabilanz. Während sie wachsen, nehmen sie CO₂ auf und speichern es langfristig. In der Schweiz fallen jährlich rund fünfzig Millionen Tonnen lehmhaltiges Aushubmaterial an, Ein Potenzial, das nur begrenzt genutzt wird, da der Grossteil deponiert wird. Könnte dieser Boden als Baumaterial genutzt werden, liesse sich der Stoffkreislauf direkt schliessen. Ressourceneinsparung, weniger Transportaufwand und geringere Kosten für Entsorgung sind die Folge. Holz ist gleichermassen nachhaltig. Schweizer Wälder liefern einen wachstumsstarken, robusten Baustoff, der inzwischen bis zu siebzehn Prozent der Tragkonstruktionen bei Neubauten ausmacht, vor allem im städtischen Wohnungsbau und bei Aufstockungen.

Vorfertigung und Hybridbau
Die moderne Wiederentdeckung traditioneller Materialien basiert auf Hightech-Fertigungsmethoden. Vorgefertigte Module, der gezielte Einsatz von Robotern und die Beimischung von natürlichen Zusatzstoffen erlauben schnellere und effizientere Prozesse. Lehm kann heutzutage als Flüssiglehm wie Beton in Schalungen gegossen oder als Stampflehm mit Armierungen für mehrgeschossige Gebäude verwendet werden. Kombiniert man Lehm und Holz in hybriden Wand- oder Fassadenelementen, entstehen tragfähige und klimafreundliche Strukturen. In der Forschung wird an Materialoptimierungen gearbeitet, damit Lehm und Stroh noch leistungsfähiger werden . Etwa durch natürliche Zuschläge wie Trasskalk oder innovative Armierungen.

Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven
Die schweizweite Marktdurchdringung ist bei Lehm und Stroh noch gering, was vor allem an fehlender industrieller Entwicklung, unzureichender Standardisierung und hohen Startkosten liegt. Holz hingegen ist bereits breit akzeptiert, wobei die Forstwirtschaft mit dem Klimawandel hadert. Nadelhölzer geraten unter Druck, Laubhölzer gewinnen an Bedeutung, brauchen aber neue Verarbeitungstechnologien. Gleichzeitig müssen Umweltstandards sichergestellt und Biodiversität in den Wälder gewahrt werden, damit die CO₂-Speicherung erhalten bleibt. Forschungsprojekte untersuchen, wie Holz mittels biologischer Substanzen wie Schellack oder pflanzlicher Gerbstoffe widerstandsfähiger gegen Umwelteinflüsse gemacht werden kann.

Kreislaufwirtschaft, Gesundheit und Akzeptanz
Innovative Baustoffe bieten nicht nur ökologische, sondern auch gesundheitliche Vorteile. Natürliche Materialien verbessern das Raumklima, reduzieren Allergierisiken und vermeiden Schadstoffbelastungen. Die Produktion ist oft energiearm und die Bauteile können nach dem Lebensende wiederverwertet werden. Webplattformen wie der „Atlas of Regenerative Materials“ vernetzen Unternehmen und Projekte, um die Akzeptanz und Vertrauensbildung in biobasierte Gebäude zu stärken.

Innovation als Motor
Die Kombination aus traditionellem Know-how, moderner Forschung und digitaler Vorfertigung schafft neue Chancen für das nachhaltige Bauen. Nur durch die Kopplung von Naturmaterialien, kreislauffähigen Strukturen und ökologischer Verantwortung kann das Bauwesen einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Chancen dafür waren nie besser und der Baustoff der Zukunft liegt im Boden, im Wald und auf den Feldern der Schweiz.

Weitere Artikel