Walter Ineichen: «Integrale Energielösungen steigern die Attraktivität von Immobilien»

Zürich,

Walter Ineichen ist Leiter Lösungsentwicklung bei Energie 360°. Im Interview erklärt er, weshalb sich eine integrale Energielösung für Neubauprojekte lohnt und welche Herausforderungen die Elektromobilität dabei mit sich bringt.

Wofür steht Energie 360°?
Die Energie 360° AG gehört zu rund 96 Prozent der Stadt Zürich und bringt Wärme, Kälte, Strom sowie Mobilität zu integralen Energielösungen zusammen und macht nachhaltige Energie in der gesamten Schweiz nutzbar. Die Kunden wollten zunehmend Wärme statt Gas kaufen, weshalb wir uns nach und nach neu ausrichteten. Ein Meilenstein war sicherlich das Ja der Stadt Zürich zur 2000-Watt-Gesellschaft im Jahr 2008. Seit 2014 sind wir unter dem neuen Namen Energie 360° aktiv. Heute versorgen wir die Stadt Zürich sowie rund 40 Gemeinden mit immer mehr erneuerbarem Biogas und erneuerbaren Energieverbünden. Zudem entwickeln wir für Neubau-Areale zusammen mit den Bauherren individuelle und integrale Energielösungen.

Welches sind Ihre Hauptkunden?
Wir arbeiten vor allem mit Gemeinden, Investoren, Bauherren sowie Architekten und Arealentwicklern zusammen. Bei Wohnbauprojekten kommen wir in der Regel ab 50 geplanten Wohnungen ins Spiel.

Aus welchen Quellen stammt die Energie, die Sie anbieten?
In der Stadt Zürich liefern in erster Priorität die Kehrichtheizkraftwerke Hagenholz und Josefstrasse Abwärme, welche in Form von 90 bis 120 Grad heissem Wasser über ein Leitungsnetz direkt in die Gebäude gelangt. Wo diese Energie nicht genutzt werden kann, greifen wir auf Umweltenergie wie Grund- oder Seewasser zurück. Weitere Quellen für Energieverbünde sind Holzschnitzel und Holzpellets. Für dezentrale Lösungen setzen wir oft Erdsonden- und Luftwärmepumpen ein.

«Ölheizungen wird man eines Tages nicht mehr ersetzen dürfen»

Warum sollen sich Kunden für eine nachhaltige Energielösung entscheiden und nicht auf eine vielleicht günstigere, «herkömmliche» Energieversorgung setzen?
Wenn man es hart auf hart vergleicht, ist die fossile Energielösung kurzfristig gesehen aktuell oft noch günstiger. Eine Ölheizung zu ersetzen, kostet fast nichts, die CO2-Abgabe ist mit 95 Franken pro Tonne noch niedrig. Aber die CO2-Abgabe soll auf 210 Franken pro Tonne erhöht werden, und weitere verstärkte Anforderungen werden mit der Umsetzung der «Mustervorschriften» der Kantone im Energiebereich (MuKEn 2014) erfolgen. Ölheizungen wird man eines Tages nicht mehr ersetzen dürfen, und der Preis für Öl und Gas schwankt stark.

Wie unterscheidet sich Energie 360° von den Schwesterfirmen wie dem EWZ, ERZ und EKZ?
Jedes Unternehmen ist ein Marktplayer, der ähnliche Segmente bedient, aber dennoch eine spezifische Ausrichtung hat. Wir fokussieren uns bei Energie 360° auf innovative, integrale und langfristige Energie- und Mobilitätslösungen, die individuell für die Bedürfnisse des Kunden entwickelt werden.

Was verstehen Sie unter einer integralen Energielösung?
Hier geht es darum, Synergien optimal zu nutzen. Idealerweise werden wir bei Bauprojekten schon in einer sehr frühen Phase hinzugezogen. Dann klären wir mit dem Bauherrn bzw. dem Investor die langfristigen Nutzungsabsichten und die Anforderungen an Wärme-, Kälte-, Strom- und Mobilitätsinfrastruktur ab. Diese Sektoren können bei einer integralen Energielösung optimal gekoppelt werden. Ebenfalls wichtig ist, ob eine spätere Umnutzung des Areals vorgesehen ist. Dazu bringen wir die Anforderungen des Bauherrn an Wirtschaftlichkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit in Erfahrung. Neubauten sollen für 50 oder sogar 100 Jahre genutzt werden können, weshalb sich bereits heute ein Bau gemäss den Leitlinien der Energiestrategie 2050 lohnt.

«Von einer integralen Energielösung profitiert der Bauherr wie auch der Mieter»

Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür, wie eine solche integrale Energielösung aussehen kann?
Wir haben zum Beispiel für das Areal Stockacker in Reinach (BL), welches vier Mehrfamilienhäuser und insgesamt 77 Wohnungen umfasst, eine integrale Energielösung entwickelt. Sie beinhaltet Wärme, Kälte, Strom, Elektromobilität sowie Smart Solutions. Mit der Photovoltaikanlage werden die Wärmepumpen für die Erdsonden betrieben. Das Erdreich liefert damit die Energie zum Heizen. Über die Bodenheizung entziehen wir den Räumen im Sommer wiederum Wärme, welche wir den Erdsonden zuführen – das sogenannte Free Cooling. Die Erdsonden können sich dadurch regenerieren und die Bewohner profitieren gleichzeitig von einer leichten Abkühlung der Wohnräume. In der Garage werden wir bei 16 der 80 Parkplätze Ladestationen für Elektroautos installieren, welche über Solarstrom geladen werden. Nach Bedarf können später weitere Ladestationen hinzukommen.

Wie profitieren die Bewohner und der Bauherr konkret von dieser Lösung?
Die Bewohner bezahlen weniger für den Strom als bei einer konventionellen Energielösung, während der Bauherr von einer hohen Versorgungssicherheit und tieferen Investitionskosten profitiert. Ausserdem ist unsere Lösung sehr preisstabil und ökologisch: Wir konnten beispielsweise Erdsonden einsparen. Eine Erdsonde ist immer mit Bohrungen und Ölverbrauch verbunden – sogenannte graue Energie. Zudem ist ein Batterieraum geplant, für welchen wir Second-Life-Batterien, also solche, die nicht mehr hinreichend geladen werden können und somit für Elektroautos nicht mehr taugen, verwenden werden. Diese Batterien werden tagsüber per Solarstrom geladen und stehen dann abends, wenn viel Strom verbraucht wird, zur Verfügung.

Elektroautos sind stark im Kommen. Wie sehen Sie die Durchsetzungskraft dieser Mobilitätsform?
Elektroautos sind sicherlich eine Lösung unter anderen. Aber sie ist extrem spannend, da wir dezentral Solarstrom für die Elektromobilität nutzen können. Wenn man mit Methanol, Wasserstoff oder Gas tanken würde, wäre eine Versorgung auf dem eigenen Areal nicht so einfach möglich.

«Wir müssen schon heute für die nächsten 30 Jahre vorausdenken»

Wie lauten Ihre Empfehlungen für Neubauprojekte: Wie viele Ladesta-
tionen sollten prozentual in einer Einstellhalle bereitgestellt werden?

Wir orientieren uns an der Empfehlung der SIA 2060, welche eine erste vollständige Ausrüstung von 20 Prozent empfiehlt. Unsere Lösung sieht jedoch vor, dass mittel- bis langfristig ein Grossteil der Parkplätze ohne grosse Mehrkosten elektrisch erschlossen werden kann.

Welche Herausforderungen bringt die Elektromobilität in diesem Zusammenhang mit sich?
Wir müssen bei Neubauprojekten bereits heute die Installationen so berücksichtigen, dass der Bedarf der nächsten 30 Jahre gedeckt werden kann. Über Stromschienen definieren wir die Grundversorgung einer Einstellhalle und rüsten danach Ladestationen nach Bedarf auf. Wir müssen uns aber immer überlegen, wie viele Reserven wir einplanen müssen und wie viel Mobilität tatsächlich dezentral geladen werden kann, bis die Kapazität des Netzanschlusses erreicht ist. Auch der Netzbetreiber wird mit immer mehr Herausforderungen bezüglich Lastenmanagement konfrontiert.

Wie sieht Ihre Lösung hierfür aus?
Wir versuchen mit dezentraler Solarstromproduktion und aktivem Lastenmanagement der grossen Stromverbraucher wie den Wärmepumpen oder den Elektrofahrzeugen, die Stromspitzen zu reduzieren. Mittelfristig könnten die Elektrofahrzeuge mittels bidirektionalem Laden zu Zeiten, in denen die Bewohner besonders viel Strom verbrauchen, ebenfalls für die Stromversorgung zur Verfügung stehen. Dadurch muss das Areal nicht auf das Stromnetz zurückgreifen, sondern kann sich einen gewissen Prozentsatz Energie aus den einzelnen Elektroautos ziehen, welche tagsüber wieder mit Solarstrom geladen werden.

Dann entlädt sich ja aber das Auto?
Wir sprechen hier lediglich von 10 bis 20 Prozent, die einem Auto im Falle einer Energieknappheit entzogen würden. Der Autobesitzer würde natürlich auch davon profitieren und eine Entschädigung erhalten. Ausserdem kommen hier intelligente Interaktionen zum Zuge: Ein Autolenker wird mit Hilfe einer App definieren können, welcher Ladestand sein Auto jeweils am nächsten Morgen aufweisen muss. Man muss auch bedenken, dass das Auto nicht nur zu Hause geladen wird, sondern auch beim Arbeitgeber. Zudem gibt es bereits viele öffentliche Ladestationen. Unsere Tochterfirma «GOFAST» stellt beispielsweise Schnell-Ladestationen an Raststätten zur Verfügung, welche bei längeren Fahrten ebenfalls genutzt werden können.

«Die Energiewende ist ein europäisches Gesamtprojekt»

Das heisst, dass die Digitalisierung auch bei integralen Energielösungen immer wichtiger wird?
Genau. Um nochmals auf das Areal Stockacker zurückzukommen: Mit Hilfe der Lösung unserer Tochterfirma Smart Energy Link (SEL) können wir Bewohnern beispielsweise per App einen günstigen Solartarif anbieten, welchen sie für das Heizen des Backofens oder für das Trocknen der Wäsche verwenden können. Wenn tagsüber viel Strom zur Verfügung steht, kann dieser günstiger genutzt werden. Zudem rüsten wir heute immer mehr Anlagen mit Sensoren aus. So sehen wir, wenn die Energieversorgung irgendwo ins Stocken gerät und können reagieren, bevor es zu einem Ausfall kommt.

Und noch ein Blick in die Zukunft: Schaffen wir die Energiewende?
Irgendwann werden wir sicher zu 100 Prozent erneuerbare Energie verwenden, weil es auch ökonomisch sinnvoll ist. Grundsätzlich gilt: Je schneller, desto besser. Wir können natürlich versuchen, die Kunden von einer nachhaltigen Energielösung zu überzeugen, aber um die Wende zu schaffen, müssen alle an einem Strang ziehen. So müssen auf Gesetzesebene alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, es braucht langfristig denkende Investoren und innovative Lösungsanbieter. Hilfreich ist sicher auch, dass fossile Energielösungen entsprechend den Kosten verteuert werden. Die Energiewende wird am Ende ein europäisches und globales Zusammenspiel sein. Sie ist ein Gesamtprojekt. ■

Linda von Euw